Als sie an Ort und Stelle angekommen waren, gab ihnen Stülpner, ohne jedoch die Steine davon abzuschrauben oder das Pulver aus der Pfanne zu schütten, ihre Kugelbüchsen zurück, ließ sie für ihre gehabte Bemühung aus seiner stets gut gefüllten Korbflasche einige kräftige Züge thun und entfernte sich von ihnen unter herzlichem Dank und Lebewohl.
In dem im Jahre 1835 erschienenen Buche von Schönberg heißt es hierzu: Nach Stülpners Angabe sollen gegenwärtig von den sieben oben erwähnten Jägern noch zwei am Leben sein, nämlich der Amtskopist K. in W. und der als Volontär gehende Jäger M. in D.
Durch diese und andere dergleichen tollkühne Unternehmungen war es kein Wunder, daß Stülpner damals fast überall in der Umgegend der Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs, namentlich in der Schänke beim Bierkruge wurde. Doch fiel nicht etwa das Urteil der großen Menge für ihn ungünstig aus, im Gegenteil that man sich darauf etwas zu gute, ihn gesehen oder gesprochen zu haben, woraus gar kein Geheimnis gemacht wurde. Noch weniger erschrak man bei einem unvermuteten Zusammentreffen mit ihm, da man immer mehr zu der Ueberzeugung gelangte, daß Stülpner durchaus kein gefährlicher oder bösartiger Mensch sei, da er, außer seinem verbotenen Gewerbe als Wildschütz, sich nie etwas zu schulden kommen ließ, was ihn in den Augen seiner Mitmenschen hätte verdächtig machen können.
Stülpner ging stets nett und jägermäßig gekleidet und benahm sich immer mit einem solchen Anstand, daß er schon dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ungescheut besuchte er die an der Landstraße gelegenen Wirtshäuser, wo er im Tone alter Bekanntschaft ein Gläschen forderte, seine Korbflasche behaglich aus der Jagdtasche langte, sie füllen ließ, seine Pfeife anbrannte, sich nicht selten in das Gespräch der anwesenden Gäste mischte und so zuletzt unter einem traulichen Adieu sich wieder in die zunächst liegenden Forsten verlor. Doch geschah alles dieses ohne seine Büchse und den Hirschfänger abzulegen.
Kein Wunder war es aber auch, daß Stülpner wegen seiner tollen Streiche, die er vorzüglich in Bezug auf die Forstbeamten ausübte, durch deren immer sich mehrende Anzeigen ernstlich verfolgt und von seiten der Obrigkeit alles aufgeboten wurde, um ihn aufzugreifen und in Gewahrsam zu bringen. Es erschienen jetzt Reskripte und Befehle in Menge, die seine Aufhebung anbefohlen; man durchstreifte mit Aufbietung ganzer Dorfschaften diejenigen Wälder, wo man glaubte, daß er sein Wesen treibe und traf alle möglichen Anstalten, um seiner habhaft zu werden.
Stülpner, mit allen Schlupfwinkeln genau bekannt und von seinen Bekannten und Anhängern oft vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt, entging nicht nur bisher glücklich den Verfolgungen seiner ihm immer mehr nachstrebenden Feinde, sondern wurde gleichsam, denselben Trotz bietend, in seinen Handlungen nur noch kühner und unternehmender, sodaß sich die Regierung endlich genötigt sah, da alle bisher getroffenen Anstalten, Stülpnern in die Gewalt zu bekommen, vergebens waren, noch kräftigere Maßregeln zu ergreifen, um einem solchen Unwesen ein Ende zu machen.
Karl Stülpners Signalement wurde daher vom Kopf bis zum Fuß in allen öffentlichen Blättern bekannt gemacht und er sowohl in diesen, als in den gerichtlich angeschlagenen Aufforderungen für vogelfrei erklärt und demjenigen, der ihn lebendig, ein Preis von 80 Thalern, und wer ihn tot an die Obrigkeit ausliefern würde, 50 Thaler zugesichert.
Alle Forst- und Polizeibehörden wurden zu seiner Verhaftung aufgefordert, ja selbst das Militär sollte nötigenfalls dazu requiriert werden. Doch trotz diesen geschärften Befehlen und getroffenen Maßregeln hatte es doch lange Zeit das Ansehen, als ob dieselben nicht mit der gehörigen Gewissenhaftigkeit befolgt würden. Denn obgleich manchen nach dem Preis gelüsten mochte, so schien doch ein solches Unternehmen, ihn anzugreifen, immer als ein sehr gewagtes, da alle nur zu gut wußten, daß, ehe sich Stülpner gefangen geben würde, er alles und selbst sein Leben aufs Spiel setzen und aufopfern werde, und daher schon seine überall bekannte Körperstärke, seine Unerschrockenheit und Gewandtheit, sein sicheres Treffen im Schießen jeden zurückschreckte, einen ernsten Angriff auf ihn zu machen. Es blieb daher, ungeachtet des streng ergangenen Befehles, beim Alten, indem Stülpner zwar etwas vorsichtiger zu Werke ging, aber keineswegs von seiner Lebensweise als Wildschütz sich lossagte.
Der Ruf von Stülpners Tollkühnheit hatte auf viele einen solchen furchterregenden Eindruck gemacht, daß auch diejenigen, welche sich wirklich erfrechten, mit vereinigter Macht auf ihn Jagd zu machen, schon bei seinem Erscheinen auf dem Kampfplatze wie Spreu auseinander stoben und das Hasenpanier ergriffen, wovon folgende Szene ein treues Bild liefert.
Die Freischützen aus dem Städtchen W. hatten gehört, daß Stülpner in ihrer Nähe sein Wesen treibe; um sich einen unsterblichen Ruhm durch sein Aufgreifen zu erwerben, hatten sie sich erkühnt, in pleno gegen ihn auszurücken, mit dem festen Entschluß, ihn entweder tot oder lebendig in ihre Gewalt zu bringen. Sie langten wirklich in der Gegend, wo sich Stülpner damals aufhielt, an, nämlich in dem Forste unweit der Zschopau, die seit einigen Tagen durch Regenwetter sehr angeschwollen war. Der Anführer dieser Heldenschaar war ein kleiner Schneider, der sich vorzüglich, um seinen Leuten Mut einzuflößen, durch sein mutiges Voranschreiten und durch seine kühne Zunge auszeichnete.