Als sie so schwatzend und gemütlich dem Walde zuzogen, trat plötzlich Stülpner mit gespannter Büchse aus seinem Hinterhalte hervor und rief mit donnernder Stimme: »Wollt Ihr Euch packen, oder ich gebe Feuer!« Er schlug an, aber wie vom Winde zerstoben, flohen die armen, erschrockenen Schützen über Hals und Kopf davon und setzten zähneklappernd durch den angeschwollenen Fluß, um dadurch schneller der drohenden Gefahr zu entkommen. Nur ihr kurz vorher mit seinem Heldenmut so prahlender Anführer, der arme Schneider, getraute sich nicht durch den Fluß und trippelte trostlos und schweißtriefend am Ufer hin und her. Stülpner, ihn persönlich kennend, ließ ihn erst eine kleine Weile in seiner Todesangst herumzappeln, warf dann seine Büchse über die Schulter, rief dem armen Teufel zu und trug ihn mit seinen kräftigen Armen an das jenseitige Ufer, wo er ihn mit den Worten entließ: »Er mag künftighin bei der Nähnadel bleiben und sich nie wieder in solche unberufene Dinge mengen.«

Stülpner verließ jetzt auf einige Zeit seine waldigen Behausungen, um abermals seinen ihn immer schärfer verfolgenden Feinden einige Ruhe zu gönnen, und trieb jenseit der böhmischen Grenze sein Gewerbe. Schon fing man an, seiner weniger zu erwähnen, da man ihn seit längerer Zeit nicht mehr bemerkt hatte, und das Gerücht immer mehr sich verbreitete, er hause nicht mehr auf vaterländischem Boden. Aber plötzlich erscholl sein Name in der Umgegend wieder und verbreitete Furcht und Schrecken unter die Bewohner.

Kurze Zeit nach seinem Wiedererscheinen ereignete sich ein Vorfall, wobei Stülpner durch sein Gefühl für Recht, Redlichkeit und Teilnahme, welche er dabei an den Tag legte, in der allgemeinen Achtung sehr viel gewann.

Schon seit längerer Zeit war durch österreichische Deserteurs und anderes dergleichen liederliches Gesindel das Erzgebirge, vorzüglich an der Grenze, sehr beunruhigt worden. Unsicher waren Straßen und Wälder und nicht selten wurden Reisende daselbst gemißhandelt, geplündert, ja sogar Landleute überfallen und beraubt. Stülpner wurde beschuldigt, an diesen Räubereien mit teilzunehmen. Dieser ihn schwer kränkende Verdacht würde sich gewiß noch mehr bestärkt haben, wenn er sich nicht durch folgende edle Handlung auf die beste Art gerechtfertigt hätte.

Eine Zittauer Leinwandhändlerin hatte den Stollberger Markt bezogen und da gute Geschäfte gemacht, indem sie ihre ganze Leinwand sehr gut verkauft und 300 Thaler daraus gelöst hatte. Als sie nun froh über ihren Erlös wieder in ihre Heimat zurückkehren wollte, gesellten sich in dem Thale in der Nähe Stollbergs zwei Kerle zu ihr und suchten mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Die Frau, nichts Böses ahnend, erzählte unklugerweise woher sie käme und daß sie so viel auf dem Markt gelöst habe. Während des Gespräches gelangten sie an einen Seitenweg, welcher in das nächste Dorfe führte, hier wollte sich die Frau von ihren Begleitern verabschieden, als dieselben plötzlich ihr ein fürchterliches Halt geboten und mit drohenden Gebärden die 300 Thaler von ihr forderten.

In dieser entsetzlichen Ueberraschung rief das erschrockene Weib um Hilfe, doch sogleich schwangen die Räuber ihre Knittel, geboten ihr zu schweigen und drohten bei der geringsten Verweigerung ihrer Forderung mit Mißhandlung und Tod.

Unter einem Strome von Thränen flehte das bebende Weib um Mitleid und Erbarmen und schwur bei dem Allmächtigen, daß sie und ihre Familie ohne dieses Geld dem schrecklichsten Elende preisgegeben sei. Die schändlichen Bösewichter ließen sich nicht durch dieses flehentliche Bitten der unglücklichen Frau zum Mitleid bewegen, sondern stürmten nur noch ungestümer auf sie ein, um sich nun mit Gewalt ihres Geldes zu bemächtigen. In dieser höchsten Angst setzte sich das Weib gegen die Straßenräuber zur Wehr, wurde aber sogleich von diesen zu Boden geworfen, festgehalten und nun gewaltsam ihres Eigentums beraubt.

Eben wollten sich diese Schändlichen mit ihrem Raube davon machen, als plötzlich ein Schuß zwischen ihren Köpfen durchsauste, Stülpner vor ihnen stand und sie mit seiner kräftigen Stimme als Schurken begrüßte. Die erschrockenen Räuber wollten erst ihre Beute wieder fahren lassen, als sie aber sahen, daß sie es blos mit einem zu thun hatten, machten sie Miene, auch diesen mit ihren Prügeln zu überfallen. Da warf Stülpner schnell seine Büchse über die Schulter, und in jeder Hand ein gespanntes Pistol haltend, schrie er ihnen zu: »Wer einen Schritt vorwärts thut, der kommt nicht lebendig von der Stelle. Ihr also seid die Schandbuben, die auf meinen Namen Straßenraub ausüben! Wartet, ich will Euch Mores lehren! Sogleich legt Ihr das der Frau geraubte Geld hier vor mir nieder, ohne einen Pfennig zurückzubehalten, geht dann auf diesem Wege hier, ohne Euch umzusehen, der Grenze zu, und wenn ich einen von Euch Buben wieder auf sächsischem Boden treffe, so fliegt ihm eine Kugel durch den Kopf!«

Ganz außer sich wollten die Räuber sich erst mit Stülpnern in eine Kapitulation einlassen; als aber dieser mit den Worten: »Nun so ist's auch jetzt noch Zeit!« seine Pistolen auf sie richtete und losbrennen wollte, da warfen die Straßenräuber eiligst das Säckchen, worin die geraubten 300 Thaler, teils in Speziesthalern, teils in Kassenbillets, verwahrt waren, auf den Boden und eilten unter Fluchen und Toben auf dem ihnen vorgeschriebenen Wege fort.

Durch den Schuß war die Frau erst wieder zur Besinnung gekommen und hatte vorzüglich bei Stülpners nachdrücklichen Worten ihr volles Bewußtsein wieder erlangt. Auf den Knien dankte sie ihrem großmütigen Retter, doch dieser hob sie auf, erkundigte sich teilnehmend nach ihr, ob sie irgend eine Verletzung erhalten hätte und händigte ihr dann das von der Erde aufgehobene Geldsäckchen wieder ein. Hierauf begleitete er sie bis an das nächste Dorf und entfernte sich dann von ihr, ohne eine Belohnung, die ihm die Frau für seine schöne Handlung mit aller Mühe aufdringen wollte, anzunehmen; nur darum bat er, daß sie überall, wo sie hinkomme, der Wahrheit getreu erzählen möge, wie Stülpner gegen sie gehandelt habe, damit man ihn nicht für einen so schlechten Menschen halten und unter die Kategorie der Straßenräuber zählen möge.