Bei dieser Handlung legte der leidenschaftliche Wildschütz einen schönen Beweis seines männlich redlichen Charakters, sowie seiner Geistesgegenwart an den Tag. Es ward auch in kurzer Zeit überall davon geredet und erregte ein allgemeines vorteilhaftes Interesse für ihn; denn ebenso auffallend als die Menge seiner Bewunderer und Freunde zunahm, verminderte sich die Zahl seiner Feinde und Verfolger, da er nicht nur dies einzige Mal dergleichen räuberisches Gesindel aus der Gegend vertrieb, sondern auch die Wälder, in welchen er hauste, von Landstreichern und Bösewichtern säuberte.
Kurze Zeit darauf, nachdem Stülpner die Zittauer Leinwandfrau aus den Händen der Straßenräuber gerettet hatte, kam er gegen Abend in dem großen Reitzenhainer Walde zu zwei Reisenden, welche sich daselbst verirrt hatten. Da sie Stülpnern, der, wie schon erwähnt, als Jäger gekleidet ging, für einen Forstbeamten hielten, so gestanden sie ihm, weil sie viel Geld bei sich führten, ihre Besorgnis wegen Stülpnern. Stülpner entgegnete ihnen, wenn sie sich ihm anvertrauen wollten, würde er sie an einen sicheren Ort bringen, wo sie ruhig übernachten könnten und von wo aus er sie dann, da es heute doch schon zu spät sei, am andern Morgen aus dem Forste auf die Landstraße bringen werde.
Nach einigem Besinnen nahmen die beiden Reisenden seinen Vorschlag an und folgten ihm auf sein Geheiß nun seitwärts durch Gebüsch und Felsen in abwechselnder Richtung bis an eine hügelförmige Stelle, wo Stülpner schnell eine verdeckte Thür öffnete.
Jetzt lud er die staunenden Wanderer ein, in die vor ihnen offene Höhle hinabzusteigen, er versicherte hoch und teuer, daß nicht das Mindeste zu befürchten sei, da es ja sein gewöhnliches Absteigequartier im Forste wäre. Obgleich dieser anscheinlich verdächtige Ort bei den Fremden Argwohn erregen mußte, so sahen sie sich doch genötigt, das Abenteuer zu bestehen. Sie traten also in dieses unterirdische Gemach, welches sie, nachdem Stülpner Licht angezündet hatte, sehr geräumig, bequem und vorzüglich mit einigen schönen Gewehren und Hirschgeweihen ausgeschmückt fanden.
Ihr Wirt setzte ihnen Brot, kaltes Wildpret und einen kräftigen Schnaps vor und nötigte seine Gäste zuzulangen, was sie auch nicht ausschlugen, da sie selbst gestanden, daß sie durch das lange Umherirren im Walde Appetit bekommen hätten.
Nachdem sie gemeinschaftlich unter gleichgültigem Gespräch ihr Abendbrot verzehrt hatten, machte ihnen Stülpner nach altdeutscher Sitte aus einer Menge Tierhäuten ein weiches Lager zurecht, auf welchem sie nun ausruhen sollten, und begab sich dann selbst in eine andere Ecke der Höhle zur Ruhe.
Zwar wollte sich erst bei den Fremden kein Schlaf einstellen, sie hegten gegen ihren Wirt immer noch Mißtrauen, doch endlich siegte die Natur über ihren Argwohn und ihre Unruhe. Als der Morgen zu grauen begann, weckte Stülpner die Reisenden, setzte ihnen ein frugales Frühstück vor und begleitete sie aus dem Walde, von wo aus er ihnen den zu nehmenden Weg zeigte. Als sie sich bei dem Scheiden für die freundschaftliche Aufnahme und Zurechtweisung bei ihm bedankten, erwiderte er ihnen, daß sie doch Stülpnern für keinen schlechten und gefährlichen Menschen halten sollten, sie wären diese Nacht seine Gäste gewesen. Stumm vor Erstaunen standen die Wanderer, Stülpner verschwand im nächsten Gebüsch.
War diese, sowie die vorhergehende Handlung Stülpners geeignet, ein allgemeines Interesse für ihn zu erwecken, die Herzen vieler für ihn zu gewinnen und die Zahl seiner ernstlichen Verfolger zu vermindern, so machte die nächstfolgende ebenfalls auch einen großen Eindruck auf die Menge, welche sehr zu seinem Vorteil sprach, obgleich die Kühnheit, mit der er, als vogelfrei, sie unternahm, auch nicht geringes Staunen erregte.
Der würdige Pastor Schönherr in Thum saß behaglich in seiner Studierstube, eben mit der Ausarbeitung der nächsten Sonntagspredigt beschäftigt, als ein lebhaftes Klopfen an der Thür ihn in seiner Arbeit störte.