Stülpner ließ sich nicht zurückschrecken und durchsuchte mit seinen Genossen das ganze Haus. Als er bei dieser Visitation auch in den Stall trat, fand er diesen zwar leer, doch an der Mauer desselben erblickte er einen großen Haufen Dünger, was ihm verdächtig vorkam. Sogleich ward mit Hilfe der Kameraden der Haufe entfernt und dahinter eine zweite Thür entdeckt, die zu einem Keller führte. Als auch diese mit Gewalt geöffnet war, drangen sie in eine unterirdische Vertiefung und fanden hier, zu ihrem größten Schrecken, zwanzig halb im Sande verscharrte Preußen, die noch gräßliche Spuren von Verwundungen an sich trugen und nur durch die um sie hängenden Fetzen von der Uniform als solche erkannt werden konnten.

Sogleich eilte Stülpner mit seinen Begleitern in die Wohnstube zurück, um die erwähnte Frau wegen der ermordeten Preußen zur Rede zu stellen; doch ob er gleich nochmals das ganze Haus durchsuchte, fand er weder diese noch eine andere menschliche Seele. Er trat, nachdem er noch, um seinen und der Kameraden Hunger zu stillen, einige Viktualien aufgefunden, wieder den Rückzug ins Lager an.

Hier angekommen, ging Stülpner sogleich zu seinem Hauptmann, um ihn von den zwanzig ermordet aufgefundenen Preußen zu benachrichtigen und dadurch gleichsam das Rätsel der immer mehr verschwindenden Leute zu lösen. Der Hauptmann teilte die Nachricht seinem Regimentschef und dieser dem soeben anwesenden Herzog mit.

Nach Verlauf einiger Stunden wurde Stülpner selbst zum Herzog beordert, um seine Aussage zu wiederholen. Ruhig und stolz seinem großen und allverehrten General persönlich sein Abenteuer mitteilen zu können, folgte er der ihn nach dem herzoglichen Zelte führenden Ordonnanz. Nachdem er hier durch einen Adjutanten dem Fürsten gemeldet, ward er sogleich zu ihm hineingeführt und fand denselben bei seinem Eintritt daselbst auf einem alten Feldstuhl sitzend mit einer Menge Landkarten beschäftigt. – Als ihn der Herzog bemerkte, winkte er ihm, näher zu treten, und nachdem er zuerst Stülpnern nach seinem Namen, Vaterland und Dienstzeit gefragt, mußte er über die zwanzig von ihm aufgefundenen Preußen Rapport erstatten.

Nachdem er die ersten Fragen des Herzogs kurz und bündig beantwortet hatte, referierte er mit aller Ruhe und der ihm angeborenen dreisten Offenheit, doch ohne dabei den Anstand zu verletzen, den ganzen Hergang der Sache, und schien eben durch seine Gewandtheit und Offenheit dem aufmerksam zuhörenden Fürsten gefallen zu haben, denn als Stülpner geendet hatte, entließ er ihn mit den Worten: »Es ist gut, mein Sohn; hier (ihm einen Dukaten in die Hand drückend), trink auf meine Gesundheit dafür.«

Stülpner säumte nicht, seinen funkelnden Kremenzer dem Wunsche des Herzogs gemäß anzuwenden, lud jedoch auch seine fünf Kameraden dazu ein.

Noch an demselben Tage wurde ein Kommando von hundert Mann mit einigen Wagen nach dem von Stülpnern bezeichneten Dorfe abgesendet, um die ermordeten Preußen herbeizuschaffen. Daselbst angelangt, luden sie ihre unglücklichen Waffenbrüder auf und kehrten in das Lager zurück, den Kameraden ein ehrliches Begräbnis zu bereiten.

Tags darauf ließ der Herzog, um für die Zukunft ein exemplarisches Beispiel zu geben, ein Korps von 2000 Mann und einer Batterie ausrücken und das ganze Dorf umzingeln, welches, nachdem erst eine Menge Pechkränze hineingeworfen waren, so eingeäschert wurde, daß nach Verlauf von vier Stunden das ganze Dorf in einen Schutthaufen verwandelt war, und alles, Menschen und Tiere, die sich nicht zuvor gerettet hatten, einen fürchterlichen Tod fanden.

Der unglückliche Ausgang des Feldzuges ist dem freundlichen Leser bekannt, das Heer wurde durch Krankheiten aufgerieben; Stülpner hatte es nur seiner kräftigen Natur zu verdanken, von den überhandnehmenden Seuchen verschont zu bleiben. Da die Lage der Truppen mit jedem Tage kritischer wurde und er dieses Leben schon längst zum Ueberdruß hatte, so beschloß er, bei der ersten besten Gelegenheit zu desertieren und seine heimatlichen, friedlichen Forsten im Erzgebirge, nach welchen er sich schon längst zurückgewünscht hatte, wieder aufzusuchen.