Stülpner befand sich eines Morgens mit zwei solcher Kameraden auf einer steilen Anhöhe in der Nähe eines Dorfes und hatte sich mit diesen bei einem Feuer gelagert, um ein frugales Frühstück einzunehmen. Eine Gerichtsperson des Dorfes, welche sie bemerkt hatte, machte nun schnell Lärm, es ließen sich verdächtige Männer sehen. Sogleich machten sich sämtliche Gerichtspersonen und eine beträchtliche Anzahl der Dorfbewohner auf den Weg, um mit alten Flinten, Säbeln, Heugabeln, Dreschflegeln, etc. so gut als möglich bewaffnet, die Verdächtigen aufzuheben. Stülpner, der mit seinen Genossen dieses kampflustige Heer den steilen Fußsteig heranklimmen sieht, schlägt erst ruhig Feuer an und setzt seine Pfeife in Brand. Hierauf erhebt er sich mit seinen Kameraden, als die Anstürmenden ungefähr noch hundert Schritte von ihm entfernt sind, und nimmt die Büchse vor. Kleiner und zögernder wurden jetzt die Schritte der feindlichen Dorfbewohner, als sie ihre Feinde so furchtlos und gerüstet vor sich sahen; doch als plötzlich die drei Wildschützen wie kommandiert neben einander standen, die Hähne spannten und anschlugen, da ergriff die ganze Heldenschaar ein solch panischer Schrecken, daß alle unter dem schallenden Gelächter der Raubschützen, ohne Ansehen der Person, über und unter einander die steile Höhe hinunterpurzelten und die Flucht ergriffen. Stülpner schritt hierauf, ohne die Fliehenden noch eines Blickes zu würdigen, mit seinen Kameraden langsam dem nahen Forste zu.

Öfter hatten Reisende Gelegenheit, Stülpnern zu begegnen, der nicht die geringste Scheu äußerte, freundlich und höflich grüßte und mit manchem sogar ein Gespräch anknüpfte. So traf er einst unterwegs im Winter mit Pferd und Schlitten einen Rechtsgelehrten, der, Stülpnern für einen Jäger haltend, ihn ersuchte, hinten mit aufzutreten, um so sein Reiseziel schneller zu erreichen. Er trat auf und knüpfte zutraulich mit ihm ein Gespräch an. Der Rechtsgelehrte kam auch auf Stülpnern zu sprechen, der in der dasigen Gegend hausen solle. Drollig genug erzählte Stülpner von sich selbst, doch mitten im Forste empfahl er sich plötzlich, dankte und rief seinem Reisegefährten nach: »Sie haben jetzt selber mit Stülpnern gesprochen; leben Sie wohl.« Darauf verschwand er im nächsten Gebüsch.

Durch diese und andere ähnliche kühne Unternehmungen war es kein Wunder, daß Stülpner bald zum allgemeinen Gespräch der Umgegend wurde. Niemand verheimlichte es, ihn gesehen zu haben und niemand erschrak mehr, wenn er ihm unvermutet begegnete, da man immer mehr sich überzeugte, daß Stülpner kein gefährlicher, böser Mensch sei. Aber ebenso konnte es nicht fehlen, daß durch seine kühnen Streiche und immer mehr um sich greifenden Wilddiebereien die Polizeibehörde durch die sich häufenden Anzeigen der aufgebrachten Forstbediensteten nicht nur aufmerksamer auf ihn wurde, sondern selbst ernstliche Anstalten traf, ihn aufzuheben und in ihre Gewalt zu bekommen.

Diese ernstlich getroffenen Maßregeln blieben Stülpnern nicht unbekannt; er verließ deshalb seine erzgebirgischen waldigen Behausungen, um seinen ihn immer mehr umlauernden Verfolgern einige Ruhe zu gönnen, und wanderte wieder mit einer gut gefüllten Börse nach Bayern. Als er sich in der Gegend von Bayreuth einige Zeit herumgetrieben hatte, trat er, versehen mit den von seinen früheren Herrschaften erhaltenen Zeugnissen, wieder als Revierjäger in die Dienste eines Herrn von Reitzenstein auf Kunersreuth mit einem monatlichen Gehalt von 7 Thalern und verblieb daselbst, ohne daß sich unterdessen etwas Besonderes für ihn zutrug, beinahe 2 Jahre. Von hier kam er ebenfalls wieder als Revierjäger in die Dienste eines Herrn von Plötz auf Zedtwitz in der Gegend von Hof, wo er 14 Monate aushielt, dann, von seinem unruhigen Geiste fortgetrieben, wieder sein Bündel schnallte und abermals nach Bayreuth wanderte.

Der Markgraf Karl Alexander hatte gerade zu dieser Zeit Ansbach und Bayreuth an Preußen abgetreten; es hielten sich in dem Ländchen eine Menge preußischer Werber auf, um junge, kräftige Leute in ihr Garn zu locken. Stülpner, der in den Schänken und anderen öffentlichen Orten häufig mit diesen Werbern zusammenkam, ward als ein so schlanker, kräftiger Jäger bald der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Beim Bierkrug traf Stülpner wiederum mit einem solchen Werber zusammen und sogleich machte letzterer Anstalt, ihn unter dem Versprechen eines schönen Handgeldes zum preußischen Soldaten anzuwerben. Stülpner blieb standhaft; der Werber versuchte nun mit Gewalt ihn zum Dienst zu zwingen, es entstand ein heftiger Streit und Stülpner schlug mit seinem Hirschfänger so lange auf den brutalen Preußen, der nun ebenfalls seinen Degen gezogen hatte, los, bis letzterer in Stücke zersprang. Hierdurch entwaffnet, riß Stülpner, ehe der Werber weiter auf ihn eindringen konnte, im Augenblick zwei Stuhlbeine heraus, mit welchen er nun aufs Neue auf seinen Gegner eindrang, ihm die Klinge aus der Hand schlug und so lange auf den wehrlosen Preußen loskeilte, bis zuletzt an ein Aufkommen desselben nicht mehr zu denken war. Durch den entstandenen Lärm kamen die anderen preußischen Werber ihrem Kameraden zu Hilfe, Stülpner mußte endlich der Uebermacht weichen und sich gefangen geben.

Unter den Offizieren seines Regiments fand Stülpner vorzüglich an dem Hauptmann von Hopfgarten, auch ein Sachse von Geburt und leidenschaftlicher Jäger, einen Freund und Gönner, von welchem er vorzüglich in finanzieller Hinsicht so manche Wohlthat genoß.

Nachdem Stülpner in Spandau, ohne daß sich außer seiner mißlungenen Flucht weiter etwas Wichtiges ereignete, gegen zwei Jahre als Musketier gestanden, trat plötzlich eine Katastrophe ein, die ihn unvermutet aus den längst verwünschten Mauern seiner Garnison hinaus auf blutigen Kampfplatz führte und ihn unter vielen sturmbewegten Tagen so manche kriegerische Abenteuer bestehen ließ.

Die französische Revolution war ausgebrochen; sie hatte das Königstum hinweggefegt und eine Republik an dessen Stelle gesetzt. Oesterreich und Preußen erklärten der Republik den Krieg, infolgedessen auch Stülpners Regiment Prinz Heinrich seine Garnison verließ, um dem nach Frankreich ziehenden Heere zu folgen. Dem Herzog Ferdinand von Braunschweig war der Oberbefehl über sämtliche Truppen übertragen worden. Nach der Einnahme von Verdun geschah ein Ereignis, wodurch Stülpner persönlich mit dem Herzog von Braunschweig in Berührung kam.

Schon seit einiger Zeit hatte man von preußischer Seite eine Menge Mannschaften vermißt, ohne bisher auf den Grund und die Spur ihres Verschwindens gekommen zu sein. Als Stülpner eines Morgens in der Gegend von Grandprée, wo damals das Hauptlager der Preußen sich befand, mit noch fünf anderen Kameraden nach dem zunächst gelegenen Dorfe vom Hunger getrieben auf Plünderung ausging, trat er mit diesen in einen großen Bauernhof ein, wo er außer einer schon bejahrten Frau weiter niemand antraf. Diese erriet sogleich die Absicht der hereinstürmenden sechs Preußen und gab ihnen, so gut es eben ging, zu verstehen, daß bei ihr nichts mehr zu haben sei, da alles schon gewaltsam nach dem preußischen Lager abgeführt wäre.