Stülpner: »Zwingen kann ich Sie nicht, meinen so herzlichen Wunsch zu erfüllen, mir den Trost der Religion zu geben; doch ich kann Ihnen nochmals heilig versichern, daß er aus wahrem Herzen kam. Also ist es Ihnen nicht möglich, meine Bitte mir zu gewähren?«
Pastor: »Unter den jetzigen Verhältnissen unter keiner Bedingung.«
Stülpner: »Nun, so verzeihen Sie meine Freiheit und leben Sie wohl!«
Schnell verließ er die Stube und das Haus des Pastors. – Zwar zeigte derselbe den Vorfall sogleich der Obrigkeit an, man spürte Stülpnern einen ganzen Tag lang nach, allein abermals kehrten die Ausgesendeten unverrichteter Sache zurück.
Als Stülpner kurz nach seinem Erscheinen beim Pastor in Thum im Marienberger Walde sein Revier beging, wo damals der Hofjäger Pätzhold aus Wüstenschlette seinen Jagdbezirk hatte, welcher mit unter die eifrigsten Verfolger Stülpners gehörte, so trug es sich zu, daß Stülpner mit einem seiner Kameraden den Laut von Jagdhunden hörte. Sogleich wendete er sich nach der Gegend hin und erblickte einen Achtzehnender, welchen die Hunde scharf verfolgten. Stülpner legte an und schoß den Hirsch in vollem Jagen. Hierauf schleppte er ihn mit Hilfe seines Kameraden in die Jugend, um ihn hier aufzubrechen.
Nachdem dies geschehen, begiebt sich Stülpner unter Zurücklassung seines Gehülfen bei dem erlegten Hirsche auf eine Anhöhe um sich hier nach den Jägern, welche den nun von ihm geschossenen Achtzehnender verfolgten, umzusehen. Als er einige Zeit hier gestanden und unterdessen seine Büchse wieder geladen hatte, bemerkte er in noch ziemlicher Ferne auf einem großen Gehau eine Menge Reiter von der in Marienberg stehenden Kürassier-Eskadron nebst einer großen Anzahl Landleute, welche mit Hilfe der Forstbeamten aufgeboten waren, den Wald zu durchstreifen und vorzüglich Stülpnern daselbst aufzuheben. Dieser verließ jetzt, als er die ihm drohende Gefahr bemerkte, schnell seinen Posten, kehrte zu seinem Kameraden zurück und schaffte mit demselben den Hirsch fünfzehn Schritte von dem Aufbruchplatze in ein gut verwahrtes Versteck, worin er selbst mit seinem Genossen blieb.
Als dieses bedeutende Streifkorps durch den Schuß von Stülpnern aufmerksam gemacht, sich immer mehr der Gegend näherte, wo er den Hirsch erlegt hatte und zuletzt dem Orte, wo er in seinem sichern Gewahrsam weilte, so nahe kam, daß er alles vernehmen konnte, was gesprochen wurde, so hörte er unter anderem den Hofjäger Torges aus Steinbach, der über den Aufbruch des Hirsches, welcher noch ganz warm war, sowie über das Verschwinden des Wilddiebes sehr aufgebracht wurde, folgende Worte äußern: »Herr Hofjäger Pätzhold, es ist doch kein Hase, den einer schießt und steckt ihn in die Tasche und steigt damit auf den Baum; Sie haben mich heute das achtzehnte Mal zur Streifung eingeladen, ich komme nicht wieder dazu; den Kerl (Stülpnern) hat der lebendige Teufel!«
Hierauf nahm dieses ganze Streifkorps seine Richtung nach der böhmischen Grenze zu, worauf Stülpner, sich nun sicher glaubend, mit seinem Genossen wieder aus seinem Hinterhalte sich hervorwagte, den erlegten Hirsch auf einem freien Platze zerwirkte und dann das Wildpret in die stets bereit liegenden Säcke packte und so schwer beladen mit seinem Gefährten ebenfalls seinen Weg der Grenze zu einschlug.
Auf der Landstraße angekommen, verweilte er in einem großen Steinbruch, um einen Fuhrmann abzuwarten, der ihm sein Wildpret aufladen solle. Nach Verlauf einiger Zeit kommt wirklich ein Vierspänner, welcher nach Böhmen seinen Weg nimmt; sogleich geht Stülpner auf ihn zu, spricht ihn an, ob er nicht für ein gutes Trinkgeld sein Wildpret bis auf den böhmischen Gasthof in Reitzenhain mitnehmen wolle? Der Fuhrmann weigert sich erst, seinen Wunsch zu erfüllen. Da greift Stülpner in die Zügel der Pferde und droht dem Fuhrmann, »wenn er nicht sogleich sein Wildpret aufladen wolle, mit seinem Gehilfen den Wagen umzustürzen.«
Eingeschüchtert durch die drohenden Worte, ladet der Fuhrmann schließlich das Wildpret auf und nun geht es vorwärts, der böhmischen Grenze zu. Stülpner geht 200 Schritte vor und sein Kamerad 200 Schritte als Bedeckung nach dem Wagen. So gelangten sie, ohne unterwegs noch jemandem weiter zu begegnen oder angehalten zu werden, nachdem es schon sehr dunkel geworden war und überall die Lichter brannten, nach Reitzenhain.