Als sie sich dem sächsischen Gasthof näherten, war das ganze Haus voll von Militär, Forstbeamten und Landleuten, denselben, die zu Stülpners Aufgreifung aufgeboten waren. Sogar der Hof, durch welchen die Landstraße führte, war mit Menschen und Pferden angefüllt, dessen Passage jedoch beim Herannahen des schweren Frachtwagens jetzt so viel als möglich freigemacht wurde. Stülpner passierte nun ruhig, seine Büchse über der Schulter hängend, ohne in der Dunkelheit erkannt und angehalten zu werden, mitten durch seine Verfolger, und blieb, glücklich bis an die Grenze gelangt, stehen, um zu sehen, ob auch der Fuhrmann mit dem Wagen und sein Kamerad glücklich nachkämen, und da auch diese nicht weiter aufgehalten wurden, so ging es über die Grenze.

Hier angelangt, naht sich Stülpner dem Fuhrmanne mit folgenden Worten: »Nun, habe ich es nicht gesagt, daß es gehen wird?« »Ja«, erwiderte derselbe, »wenn es so abläuft, da laß ichs mir gefallen; nun kennen wir einander schon. Wenn ich daher künftig wieder dienen kann, so dürfen Sie mir nur winken, ich werde gern und jederzeit zu Diensten stehen.« Als ihn Stülpner hierauf bezahlen wollte, nahm er durchaus nichts, sondern war damit hinlänglich befriedigt, ihm dadurch eine Gefälligkeit erwiesen zu haben.

Hätten damals die so zahlreich versammelten Feinde und Verfolger Stülpners ahnen können, ihrem so eifrig verfolgten Ziele so nahe zu sein, so hätte er ihnen hier wohl schwerlich entwischen können und würde gewiß seine Tollkühnheit schwer haben büßen müssen.

Jetzt folgt eine Scene, die in Bezug auf Stülpners spätere Befreiung und Aufhebung der ihm gedrohten Strafe einen großen Einfluß hatte.

Als er einst gegen Abend in der Nähe der Heinzebank bei Marienberg auf den Anstand ging, hörte er auf der Landstraße, noch unter der Heinzebank, einen Wagen kommen und einen Postillon blasen, welcher aber nur zwei Stöße in das Horn that, worauf weder von ihm noch vom Fahren des Wagens weiter etwas gehört werden konnte. Stülpner glaubte daher, es wäre etwas mit dem Wagen vorgegangen und begab sich deshalb auf eine Anhöhe, von wo aus er die Landstraße eine große Strecke überblicken konnte.

Er bemerkte drei Straßenräuber, die den Postillon vom Pferde gerissen hatten und eben im Begriff waren, ihm den Garaus zu machen. Sogleich that Stülpner, da er die Räuber wegen der zu großen Entfernung nicht erreichen konnte, einen Schreckschuß. Sobald die Räuber den Schuß gehört hatten, flüchteten sie sich etwas tiefer in den Wald hinein, wo sie aber wieder Posto faßten, um zu sehen, was sich unterdessen ereignen würde. Stülpner eilte so schnell als möglich nach dem Postwagen hin und feuerte, als er die drei Kerle in dem Gebüsch bemerkte, seine beiden scharfgeladen Pistolen auf sie ab, worauf sie sich noch tiefer in den Wald hinein flüchteten.

Hierauf näherte er sich dem Postwagen und half zuerst dem Postillon, welcher nur einige leichte Verwundungen erhalten hatte, wieder auf die Beine, dann untersuchte er den Postwagen, worin außer einem Handwerksburschen, welchen der Postillon aus alter Bekanntschaft blind mitgenommen hatte, weiter kein Passagier zugegen war. Uebrigens enthielt die Post ein Faß mit Geld, welches wahrscheinlich der Zielpunkt der Räuber gewesen war und ohne Stülpners Dazwischenkunft und schnelle Hilfe ein Raub derselben geworden wäre. Da der Postillon noch eine große Strecke Weges durch den Wald zu fahren hatte und aus Furcht vor der Rückkehr der Räuber denselben nicht allein passieren wollte, so erbot sich Stülpner, ihn als Bedeckung zu begleiten und fuhr bis an Marienberg mit heran, wo er unter den herzlichsten Dank- und Segenswünschen des Postillons sich wieder von ihm entfernte, denselben aber bat, seinen Vorgesetzten das soeben Geschehene mitzuteilen, was der Postillon auch versprach und treulich erfüllte, da er überall diese schöne, uneigennützige Handlung Stülpners erzählte, welche von seiten der hohen Behörde sehr zu seinen Gunsten aufgenommen wurde.

Schloß Scharfenstein war zu Stülpners Zeiten im Besitz der altadeligen Familie von Einsiedel. Der derzeitige Herr von Scharfenstein hatte ebenfalls wie seine Vorfahren sich dem Militärdienst gewidmet und österreichische Dienste genommen, als Major in einem ungarischen Husarenregiment unter Laudons siegreichen Fahnen bei der Belagerung von Belgrad mehrere Wunden empfangen, die ihn unfähig machten, seine rühmliche Heldenbahn weiter fortzusetzen. Er nahm daher seinen Abschied, welcher ihm auf die ehrenvollste Art erteilt wurde, und hielt sich bis zur völligen Heilung seiner Wunden erst in Ofen und dann in Wien auf. Doch da ihm das Treiben und das Volksgewühl dieser großen Residenz bald zum Ueberdruß wurde, beschloß er, wieder nach Sachsen zurückzukehren und in der ländlichen Stille seines Schlosses die ihm noch vergönnte Lebenszeit zu genießen.

Während seiner langen Abwesenheit wurde das Rittergut Scharfenstein von einem Pächter, Philipp mit Namen, verwaltet, der als wohlhabender, rechtschaffener Mann die Achtung der ganzen Umgegend genoß.

Groß war die Freude und der Jubel der Bewohner und sämtlicher Unterthanen von Scharfenstein, als sie aus der geschäftigen Eile, womit das Innere des Schlosses zu einem festlichen Empfang geschmackvoll eingerichtet und vorbereitet wurde, nun auf die baldige Ankunft ihres allverehrten Herrn schließen konnten, und als er endlich plötzlich in Scharfenstein eintraf, eilte Jung und Alt in den Schloßhof, um ihn nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen und freundlich zu begrüßen. Liebreich trat der edle Major in ihre Mitte und versicherte seinen treuen Unterthanen, sie nun nie wieder zu verlassen, und als Freund und Vater für sie fernerhin Sorge tragen zu wollen.