Stülpner hielt auch der Verabredung mit dem Major gemäß streng sein Versprechen, da er nicht nur seinem Gewerbe ganz entsagte, sondern sich auch ganz ruhig bei seiner Mutter aufhielt und mit großem Verlangen der Zeit entgegensah, wo er nicht mehr als ein aus der menschlichen Gesellschaft Verbannter flüchtig herum zu irren brauche; er hatte wirklich das bisher geführte Leben herzlich satt und sehnte sich nach Ruhe.

So waren mehrere Wochen verflossen und obgleich Stülpnern im Verlaufe dieser Zeit keine bestimmten Aussichten auf Begnadigung eröffnet wurden, so war er doch auch nicht in seiner Zurückgezogenheit bei seiner Mutter beunruhigt worden. Doch plötzlich zog sich ein so heftiges Gewitter über seinem Haupte zusammen, welches alle seine schönen Hoffnungen zu zertrümmern drohte.

Der Gerichtsdirektor G., Stülpners unversöhnlicher Feind, hatte es dem Major von Einsiedel nicht vergessen können, daß er ihm wegen seines zu strengen Verfahrens gegen Stülpnern einige Vorwürfe gemacht hatte und bot alles auf, um sich auf irgend eine Art an ihm zu rächen.

Als er durch seine Kundschafter in Erfahrung gebracht hatte, daß sich Stülpner schon seit einiger Zeit ganz ungescheut in der Behausung seiner Mutter aufhalte, so glaubte er jetzt am besten seine Rache befriedigen zu können, nur war ihm die Anwesenheit des Majors in Scharfenstein noch im Wege, da er bei der Gegenwart desselben am Gelingen seines Unternehmens zweifelte, doch auch dieses Hindernis wurde bald zu seiner Freude beseitigt, der Major reiste auf einige Zeit nach Glauchau zum Besuch. Kaum hatte der Gerichtsdirektor diese Botschaft erhalten, als er auch die Forstbeamten der Umgegend, sowie ein Militärkommando aufforderte, sich an einem bestimmten Abend, wo man Stülpnern bei seiner Mutter gewiß vermutete, in Scharfenstein zu seiner Aufhebung sofort einzufinden.

Dem Befehle Folge leistend, stellten sich die Forstbeamten, sowie der Gerichtsverwalter selbst nebst seinem treuen Diener, dem Gerichtsfrohn W., zur festgesetzten Zeit auf dem Schlosse zu Scharfenstein ein, wo man sichs bei dem gastfreien Pächter bis zum Einbruch der Nacht wohlgefallen ließ, ohne jedoch gegen denselben von dem wichtigen Vorhaben etwas verlauten zu lassen, da man seine menschenfreundliche Gesinnung kannte.

Nicht lange darauf traf auch nach eingebrochener Nacht ein Kommando von 79 Mann unter Anführung des Premierlieutenant Oe. aus Annaberg, wo ebenfalls ein Bataillon vom Regimente Prinz Maximilian stand, in Scharfenstein in aller möglichen Stille ein.

Der Abend, es war gegen Ende des Novembers, war ganz zu diesem Unternehmen geeignet; Rabenschwärze bedeckte die Erde, ein wilder Sturm heulte durch den nahen Forst, zum Rauschen des Wehres gesellte sich das Klappern der Schloßmühle.

Wer in die Zurüstung eingeweiht war, hielt Stülpnern für verloren. Mit einer so großen Vorsicht und Stille, daß selbst der wachsamste Kettenhund nicht einmal anschlug nahte man sich dem Hause und umringte es so dicht als möglich.

Stülpner, von allen diesen ernsten Anstalten nichts ahnend, befand sich wirklich, wie er seit der Verabredung mit dem Major zu thun pflegte, bei der Ankunft dieser wohlbewaffneten Schar ganz sorglos in der Behausung seiner Mutter und hatte sich soeben, da es schon 10 Uhr war, auf die Ofenbank, seinem gewöhnlichen Lager, niedergelegt, als er plötzlich ein heftiges Pochen an der Hausthür vernimmt.