Sogleich springt er von seinem Lager auf, um zu sehen, was es giebt. Als er die Hausflur so leise als möglich öffnet, bemerkt er, trotz der großen Finsternis, eine große Menge bewaffneter Menschen, und sofort die ihm drohende Gefahr erkennend, verbirgt er sich schnell, ohne weiter bemerkt zu werden, hinter der Hausthür. In aller Hast dringen der Gerichtsdirektor mit seinen Helfershelfern, der Gerichtsdiener, der Offizier und einige Unteroffiziere, die Jäger und das Gerichtspersonal von Scharfenstein, alle wohlbewaffnet, mit versteckten Laternen in das Haus und in die Wohnstube Stülpners ein, um ihn so geschwind wie thunlich in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, der in seinem Hinterhalte durch das ungestüme Vordringen nicht bemerkt worden war, näherte sich unterdessen schnell wieder der Hausflur und bahnt sich nun durch einige kräftige Sätze und unsanft ausgeteilte Rippenstöße einen Weg mitten durch die das Haus umzingelnde Besatzung, schlug sich glücklich durch und eilte nach dem zunächst liegenden Dorfe Grießbach, wo er bei einem Bauern seine Doppelbüchse in Verwahrung hatte, um damit sogleich wieder nach Scharfenstein zurückzukehren.
Unterdessen wurde von den eingedrungenen Personen, die von Stülpners Flucht sich immer noch nicht überzeugen wollten, das ganze Haus durchsucht, alles umgestürzt und aufgebrochen, selbst die Dielen aufgerissen und in die Feueresse geschossen, doch alles umsonst, kein Stülpner war zu sehen, und der gehoffte Ruhm und die voreilige Freude verwandelte sich in Mißmut und Unwillen.
Man fand weiter nichts von ihm, als den auf dem Tisch liegenden scharf geschliffenen Hirschfänger, die an der Wand hängende Jagdtasche und einen Rock, welche Gegenstände man mit Beschlag belegte.
Stülpners arme Mutter, die sich schon früher in ihre Kammer zur Ruhe begeben hatte, wurde von dem tyrannischen Gerichtsdiener W. gewaltsam aus dem Bette gerissen und in die Stube geschleppt, wo sie unter Drohungen den Aufenthalt ihres Sohnes angeben sollte. Der Schreck, die Verwirrung und die Angst der armen Frau waren so groß, daß sie erst lange nicht vermögend war, die an sie gerichteten stürmischen Fragen zu beantworten. Endlich, als sie unter den Anwesenden einige Bekannte erblickte, kam sie wieder etwas zur Besinnung und gestand ganz offen, daß ihr Sohn Karl allerdings noch vor einer Stunde dagewesen wäre, daß sie aber durchaus nicht wisse, wohin er sich geflüchtet habe, da sie sich schon früher niedergelegt und daher von seinem plötzlichen Verschwinden gar nichts habe bemerken können.
Als man ihr hierauf die bittersten Vorwürfe machte, daß sie ihren Sohn bei seinem verbotenen Gewerbe noch beherberge und daher selbst große Strafe verdient habe, sagte sie: »Ich weiß wohl, daß mein Karl einen unerlaubten Lebenswandel geführt hat, allein ich kann es mit einem Eid beschwören, daß ich keine Schuld daran habe, sondern ihn im Gegenteil oft flehentlich gebeten, davon abzustehen, da es doch endlich zu nichts Gutem führen könne, worauf er mir in der letzten Zeit versicherte, daß er sich fest vorgenommen, seinem Gewerbe zu entsagen und es auch schon gethan habe. Von Seiten hochgestellter Herren wird für seine Begnadigung gearbeitet und bis zur Ausgleichung seiner Sache könnte ich, wie mir gesagt wurde, meinen Sohn beherbergen.«
Da man aus der Alten weiter nichts herausbringen konnte, wurde beratschlagt, wie man mit ihr weiter verfahren solle. Einige schlugen vor, sie in Gewahrsam zu nehmen, andere stimmten dahin, sie lieber auf freiem Fuß zu lassen, um so durch Verstellung und List von ihr ein andermal zu erfahren, was man eben jetzt vergeblich wünschte.
Freundlicher sprach man daher jetzt mit ihr, schien ihren Worten völlig Glauben zu schenken und äußerte endlich die Gewißheit, daß ihr Sohn eine gelinde Strafe bekommen werde, wenn man ihn aufgreifen würde und beklagte nur, ihr heute diese Unruhe gemacht zu haben, was nicht geschehen wäre, wenn sie nicht auf höheren Befehl hätten handeln müssen.
Unterdessen brach der Tag an und die Untersuchungen waren leider nicht nach Wunsch beendigt.
Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forstbeamten begaben sich hierauf wieder auf das Schloß, um von den nächtlichen Strapazen auszuruhen.