Auf diese tollkühne That Stülpners ward sofort das Thor verrammelt und aus den Schloßfenstern auf das Wirtshaus hinabgerufen, daß das daselbst befindliche Militärkommando sogleich aufbrechen und auf Stülpnern, der seinen Posten noch immer keck behauptete, Feuer geben solle.
Stülpner hörte den Befehl ruhig an, lud seine Büchse wieder und begab sich von seinem Posten in den herrschaftlichen Bleichgarten, um hier das Militär zu erwarten. Als das Militär in Sturmschritt anrückte, schrie Stülpner mit donnernder Stimme ihnen zu:
»Hat einer Lust, auf mich Feuer zu geben, so schieß er in drei Teufelsnamen, mich schießt keiner tot!« (Dies sind seine eignen Worte, bemerkt hierzu Schönberg und fügt noch hinzu, daß Stülpner heute noch die wahnsinnige Idee behaupte, kugelfest zu sein; im Stockböhmischen habe ihm ein Mönch ein Präservativ gegeben, das allen Kugeln Trotz biete).
Ohne nur im mindesten von den Musketen Gebrauch zu machen, eilte sämtliches Militär an Stülpner vorüber und auf das Schloßthor zu, welches, nachdem alle in den Schloßhof eingetreten waren, wieder zugeschlossen und so fest wie möglich verrammelt wurde.
Stülpner, der früh 6 Uhr seinen Posten betrat, behauptete denselben bis fast zum Einbruch der Nacht, ohne daß die so zahlreiche und wohlbewaffnete Besatzung im Schlosse einen Ausfall auf ihn zu machen wagte, und begab sich hierauf, nachdem er erst bei seiner Mutter eingekehrt war, wieder nach Grießbach.
Als die Herren vom Schlosse aus Stülpnern endlich wieder abziehen sahen, wagten sie erst ihre Heimkehr anzutreten, doch ohne sich wieder zu Pferde zu setzen, sondern von dem Kommando als Schutzwache umgeben, ließen sie ihre Pferde nachführen.
So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkühnsten Handlungen gehört, die Stülpner verübte.
Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese Tollkühnheit Stülpners, die allerdings das Glaubhafte zu übersteigen scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schönbergs Zeiten in Scharfenstein und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen waren; und dann muß man voraussetzen, daß Stülpner überhaupt nichts zu verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstäten Umhertreibens höchst überdrüssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wußte man, daß derjenige, welcher überhaupt Miene machte, auf ihn zu schießen, mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben würde. Seine körperliche Stärke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schießen waren allbekannt. Dazu kam noch, daß das Militärkommando von Stülpners früherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele Anhänger und Bekannte hatte, welches daher nur im äußersten Notfalle den Befehl, welcher überhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu schießen, würde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwägt, wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, daß Stülpner seinen so zahlreichen Verfolgern nicht nur glücklich entging, sondern sich sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerüstet, entgegen stellte und sie gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.
Zwei Tage nach diesem merkwürdigen Vorfall und mißlungenen Streifzug gegen Stülpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum Oberförster Pügner zu gehen und ihm im Auftrage Stülpners zu sagen, daß der Oberförster ja nicht glauben solle, jener Schuß am Schloßberge habe seiner Person gegolten und die Kugel hätte durch einen Fehlschuß nur sein Pferd getroffen. Stülpner hätte ihm nur zeigen wollen, daß er sich in seiner Nähe befinde und daß er überhaupt geladen hätte. Wenn sich aber künftig der Herr Oberförster noch mehr um ihn bekümmern würde, dann gäbe es Kugeln für ihn selbst, und er würde wohl wissen, daß Stülpner noch nie gefehlt habe.
Allgemeines Aufsehen mußte natürlich dieser abenteuerliche Feldzug gegen Stülpner erregen, zumal da die große und wohlgerüstete Anzahl seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mühe getroffenen Maßregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt vor ihm selbst flüchteten. Ueberall wurde Stülpners Bravour gerühmt und verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrühmlich wieder abziehen mußte, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war über das Mißlingen seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.