Und jetzt stehen sie da und zittern beide.
„Nachbar,“ sagt sie, „ich muß immer an die Stunde denken vor zwei Jahren, und mir ist, als habe ich dir ein Unrecht getan. Wenn ich es gutmachen kann, will ich es gerne.“
„Es ist nichts gutzumachen,“ sagt er und bekuckt sich die Bilder.
„Setz dich auf die Bank, Nachbar,“ sagt sie.
Er gehorcht, und sie setzt sich neben ihn. Mehr kann sie wahrhaftig nicht tun.
„Nachbar,“ sagt sie, „du hast ein seltsames Wesen. Nicht bloß gegen mich. Dir muß irgend was geschehen sein. Das Beste wär’ schon, du sprichst dich aus.“
„Jawohl,“ sagt er, „das will ich.“
Und dann erzählt er ihr eine Geschichte, wie es ihm in der Jugend ergangen ist. Er ist ein froher Bursch gewesen, Besitzerssohn, ansehnlich und beliebt. Und die Mädchen haben ihn gern gewollt zum Heiraten sowohl wie zu dem anderen. Und eine — die war wild und heimlich zugleich. Wie wohl die wildesten sind. Und nichts war ihr heimlich genug. Und eines Nachts im Finstern trafen sie sich unter dem Kadigbusch auf der Heide, wo sonst kein Menschenfuß hintritt. Da wollte sie ihm zu Willen sein. Aber plötzlich sind ringsum Lichter aufgetaucht von Jägern, die sich schon im Finstern auf eine Jagd begaben. Da hat sie zu schreien angefangen, daß er ihr Gewalt antue. Als ob sie am Speer stak, so hat sie geschrieen. Und so ist er ins Unglück gekommen. Das hat ihn verfolgt von Ort zu Ort und ist stets offenbar geworden, wenn er ein Führungsattest gebraucht hat oder als Zeuge vor Gericht hat stehen müssen. Schließlich hat er im Moor eine Zuflucht gefunden, wo mancher bestraft ist und keinem viel Schaden daraus erwächst. Der Moorvogt weiß es und seine Frau. Sonst niemand. Bei der Frau hat er Rettung gesucht, aber die ist ja schon lang’ keine Frau mehr. Und sobald eine andere ihm zugelächelt hat, ist ihm sofort der Gedanke gekommen: „Sie wird schreien.“ Immer hört er das Schreien. Und dann zittert ihm das Gesicht, wie es ihm damals gezittert hat, als er sich stumm und ohne Verteidigung hat abführen lassen. So vertattert ist er gewesen, und so ist er noch heute.
„Wie hast du dich dann aber an mir vergreifen können?“ fragt sie und lächelt ihn an.
„Das weiß ich selber nicht,“ sagt er und streicht sich übers Gesicht.