Sie geht umher wie im Traum, gibt falsche Antwort, wenn man sie fragt, und ihre Brust hat nicht Milch für die Kinder.

„Was ihr fehlt, weiß ich lange,“ sagt der Nachbar Witkuhn. „Die Moorkrankheit hat sie.“

Die Erdme fragt, was das ist.

Und er sagt: „Die Moorkrankheit kommt wie durch ein Gift, das aus dem Boden aufsteigt. Niemand weiß, wie es aussieht, und kein Doktor hat es gefunden. Es ist da und ist auch nicht da. Wie man will. Den einen wirft es nieder, dem anderen ist es Arznei. Und für den, der daran krankt, gibt es nur eine Rettung: ’raus aus dem Moor, rasch ’raus, ohne sich umzusehen. Aber für die meisten ist es zu spät.“

Was die Erdme einst der Ulele versprochen hat, das hält sie getreulich. Sie steht der gemütskranken Frau zur Seite, wo sie nur kann. Nicht bei der Arbeit. Die macht sie allein. Aber des Sonntags oder zum Feierabend — denn Feierabend gibt es schon manchmal — geht sie hinüber zu ihr, legt den Arm um ihre Schulter und sagt: „Komm, Nachbarin, wir wollen uns was erzählen.“ Und sie führt sie die Sandnase hoch und in das Fichtengestrüpp. Da sitzt die kranke Frau am liebsten, denn es gemahnt sie an die verlorene Heide, von der sie herstammt.

Und dann seufzt sie und weint: „Ach, meine Heide, meine Heide!“

Die Erdme kann ihr die Heide noch so schlecht machen. „Ich bin ja auch von der Heide zu Hause,“ sagt sie, „und weiß: schinden tut man sich dort nicht weniger als hier. Auf dem Sand gedeiht nicht einmal Roggen, und der Hafer sieht aus, als hat er die Schwindsucht. Und Fichten — na ja — die stehen ja dort höher. Aber Schatten geben sie auch nicht. Und vorwärts kommt man hier besser als dort.“

„Aber wenn dort das Heidekraut blüht,“ sagt die Frau und starrt sehnsüchtig ins Weite, „und alles ist rot von lauter Blumchen, und die Hummeln singen drum ’rum, und die Luft ist warm, und unter dem Kadig liegt man geborgen so wie im Himmel! Aber hier friert man ja selbst im August und ist stets am Versinken. Vier Wochen sind’s her, da ist mir mit einmal der Herd eingesunken — vor meinen sehenden Augen ist er gesunken.“

„Dann ist er eben zu schwer gewesen,“ tröstet die Erdme, „man muß ihm einen besseren Untergrund schaffen.“ Und um die Frau aufzuheitern, erzählt sie ihr die Geschichte von dem großen, rotbärtigen Doktor, der immer kleiner und kleiner wurde, weil die Schemelbeine ihm unter dem Leibe versanken.

Hätte sie gewußt, was für ein Unheil sie damit anrichtet, sie hätte es lieber nicht getan. Als sie das nächste Mal mit der Frau zusammenkommt, da krallt die sich an ihr fest und sagt: „Stell dir vor, Nachbarin, jetzt kann ich des Nachts gar nicht mehr schlafen, denn ich muß immerzu denken, daß die Bettfüße unter mir wegsinken, und das ganze Bett versinkt, und ich versink’ mit.“