Spät abends kniet sie noch vor der Mutter Bett und streichelt und küßt ihr die Hände und bittet ihr alles ab, was sie ihr Böses getan hat und weiter noch tun muß. Die Erdme weiß zwar nicht, was sie meint, aber von solcher Weichherzigkeit ist sie heut, daß sie den Kissenbezug ganz naß weint.
Und morgens, wie sie mit dem Nachbar davonfährt, fängt die Urte von neuem an, gerade so, als wär’ es ein Abschied für immer.
Heut achtet sie nicht darauf. Sie hat nur Augen für drüben. Ob nicht der Jons sich irgendwo sehen läßt. Aber drüben ist alles leer und still. Auch keine Petruschka blitzt irgendwo auf. Freilich, blitzen tut die nicht mehr, denn die ist jetzt dreckig, wer weiß wie.
Pünktlich um elf hält der Wagen vor dem Rechtsanwaltshaus. Sie denkt, die Brautleute schon lauernd zu finden, aber keiner ist da. Auch um halb zwölfe noch nicht und um zwölfe ebensowenig.
Der Rechtsanwalt hat auf dem Gerichte Termin und sagt im Vorbeigehen, jetzt müßte sie warten bis zwei, denn früher käm’ er nicht wieder.
Und wie er um zwei wiederkommt, sind die Brautleute noch immer nicht da.
„Jetzt ist Büroschluß bis um halb vier,“ sagt er. „Inzwischen können sie immer noch kommen.“
Der Erdme, die auf der Schwelle sitzt, tut seit langem das Kreuz weh, und der Nachbar redet ihr zu, in die nächste Schenke zu gehen. Dort kann sie sich wenigstens ausstrecken. Aber sie will nicht. Sie könnte das Brautpaar am Ende verfehlen.
Der Nachbar kauft ihr Semmel und Schnaps, und dann geht es ja wieder.
Wie die Uhr sechs schlägt, kommt der Bürovorsteher heraus und sagt, für heute sei es nun leider zu spät, aber der Schriftsatz liege ja da und der Herr Rechtsanwalt werde morgen oder auch sonst wann zur Beglaubigung gerne bereit sein.