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Die Erdme will sich ins Bett legen, denn die Beine tragen sie nicht.
Da tritt der Nachbar Witkuhn zu ihr in die Kammer. Er hat seinen Mantel auf dem Arme und sagt: „Bis heute waren die Töchter da. Ich könnte ja jetzt die Magd bei dir schlafen lassen, aber vor Gericht glauben sie ihr am Ende nicht, weil sie doch von mir abhängig ist. Und wenn ich auch ein alter Mann bin, da ich nun einmal mit dir im Verdacht stehe, so möchte ich dir das künftige Leben nicht erschweren, indem ich mit dir zur Nacht allein unter einem Dache verweile. Oder doch so gut wie allein. Ich werde darum den Nachbar Smailus um eine Schlafgelegenheit bitten und darin fortfahren, solange dein Ruf es verlangt.“
Da sieht die Erdme ein, daß sie kein Dach mehr über dem Kopfe hat, denn den Nachbar aus seinem Hause vertreiben, das kann sie nicht.
Weil sie aber weiß, daß er von seiner Meinung nicht abzubringen sein wird, so willigt sie zum Scheine darein, gibt ihm auch ihre Danksagung mit auf den Weg und sagt, sie wird gleich zur Ruhe gehn.
Sowie er aber weg ist, ergreift sie den Stock, auf den sie sich stützen muß, — und siehe da! jetzt tragen die Beine sie wieder.
Der Magd sagt sie, sie will an die frische Luft, und damit verläßt sie den Hof.
Es ist ein lieblicher Abend, nur — Gott sei’s geklagt — sie weiß nicht, wohin.
Dem Moorvogt hat sie geschworen: ins Torfloch. So ein Schwur ist leicht gegeben, will man ihn aber erfüllen, dann fällt es einem recht schwer.
Trotzdem wird es ja wohl das Torfloch sein müssen, denn was bleibt ihr sonst übrig?