Und sie sagte: „Morgen fahr’ ich mit der Milch, und wenn ich deinen Herrn Westphal seh’, dann sag’ ich ihm ordentlich die Meinung, weil er ein ehrliches Mädchen in schändlichen Ruf gebracht hat. Ja, das werd’ ich tun und fürcht’ mich nicht im geringsten.“
Als sie das sagte, hatte die Marinke zuerst ein sehr erschrockenes Gesicht gemacht. Dann aber lächelte sie ein weniges, wie man zu Kinderworten wohl lächelt. Dem Herrn Westphal trat kein Mann und keine Frau mit Vorwürfen unter die Augen. Dem nahte man höchstens mit einer Bitte im Munde.
Nicht ohne Grund nannten die Leute ihn weit und breit den „Wieszpatis“. Das heißt auf deutsch „König und Herrscher“. Und der liebe Herrgott heißt auch so.
6
Am nächsten Morgen benahm sich die Marinke fast wieder so wie gewöhnlich.
Sie küßte der Mutter den Ärmel und gab dem Jurris die Hand. Aber warum er sich gestern versteckt hatte, danach fragte sie nicht. Sie fragte überhaupt nichts mehr, sondern ging still an die Arbeit.
Die Tage verflossen. Der Roggen kam trocken herein, und Erbsen und Gerste nicht minder. Es war ein Jahr, gesegnet, wie wenige sind. Keine Trespe und kein Brand, nichts Ausgewintertes und nichts Enthülstes.
„Die Laumen meinen es gut mit uns,“ sagte die Mutter, „seit das Kind bei uns wohnt.“
Und der Vater sagte: „Wenn nur nicht —“ Aber das weitere verschwieg er.
Zwischen der Marinke und dem Jurris wurde es nie mehr so, wie es gewesen war. Sie gingen wohl freundlich nebeneinander her und sprachen auch, was der Augenblick brachte, aber zusammen allein zu sein, das suchte der eine nicht und auch nicht der andere.