Mir klopfte das Herz. Noch ein paar Schritte, und vor mir lag meine künftige Heimat. Prachtvoll, in der Abendsonne, wie in Blut getaucht, stand das Großherzogliche Schloß da. Ein rampenartig ansteigender Zugang führt zum Vorplatz hinan, dessen Balustraden aus Sandstein geformte Statuen schmücken.
Der Bau zeigt den späteren Barockstil. Lieber Schwager, Sie hätten Ihre Freude an dem reichen architektonischen Schmuck dieses doch wieder in einfacher Schönheit prangenden Baues, dessen Kuppel auf seiner höchsten Spitze den blitzeschleudernden Jupiter trägt.
Es würde zu weit führen, wollte ich mich auf eine Beschreibung dieses mächtigen, in Hufeisenform angelegten Schlosses einlassen. Ich ziehe vor, Ihnen gelegentlich davon eine Zeichnung zu verfertigen, so wie ich's eben kann. Freilich, die wundervollen, leider zum Teil schon recht beschädigten Stuckarbeiten an den Wänden und der Decke des Vestibüls entziehen sich einer Wiedergabe. Überhaupt, als ich diese Flucht von Sälen durchwanderte, mit den prachtvollen Familienbildern an den Wänden, und überall, besonders im Ahnensaal des markgräflichen Hauses, mir die Trophäen des Erbauers begegneten, des Türkenbezwingers Ludwig – ganz betrübt wurde mir zumute, so wenig imstande zu sein, Euch dieses Schlosses Herrlichkeit zu beschreiben. Es brauchte dazu eines eingehenden Studiums, nicht nur des Baues, auch der Geschichte seiner ehemaligen Erbauer, wozu mir wenigstens fürs erste alle Zeit fehlt. Denn Ihr könnt Euch wohl denken, liebe Geschwister, ein ganzer Berg liegen gebliebener Arbeiten wartet der neuen Vorsteherin. Ich bin darum leichter über den Abschied weggekommen. Der Baron und die Baronin waren nicht minder bewegt als ich, als sie mir zum letztenmal die Hand schüttelten. Besonders der Baron brachte nicht ein Wort über die Lippen. Ich auch nicht. Hannerl lief noch ein ganzes Stück laut weinend neben der Post her, und es brauchte eine lange Zeit, ehe ich imstande war, meinen Tränen Einhalt zu tun. Daß Clothilde im letzten Augenblick nicht zu finden war und ich abreisen mußte, ohne ihr Lebewohl gesagt zu haben, hat mich geschmerzt, auch weil ich mir eingestehen mußte: du gehst, ohne daß es dir gelungen ist, dieses Kind, das dir anvertraut war, kennen gelernt zu haben. Ist sie gut, ist sie nicht gut – du weißt es nicht.
Aber wie gesagt, die Arbeit, die ich hier vorfand, die Pflichten, denen ich mich mit heißem Eifer hingebe, das alles bringt mir jene Zeit mehr und mehr in Vergessenheit, und nur das liebe, herzige Rudi-Stimmle mit seinem »i bitt« tönt mir noch als das lieblichste und vielleicht einzig Unvergeßliche aus jenen Tagen.
Therese hat Dir geschrieben, liebe Caton, daß wir ja nun Lenchen in unser nächsten Nachbarschaft in Baden haben. Mit dem Tod ihrer Mutter bleibt ihr nichts andres übrig, als ihre Zuflucht bei der verheirateten Schwester zu nehmen. Sie hat uns neulich besucht.
»Weisch, Nannele,« sagte sie zu mir, »ich bin halt jetzt's fünft Rad am Wage, aber ich tu nit krächze, ich lach – und mach d' Kommissionen und klatsch ein bißle. Was soll ich sonst mache; aber jetzt, da du in der Näh bisch, mein' ich alle mal beim Aufwache, ich hab's große Los g'wonne.« –
Wie leid tut mir's, daß sich Lenchens Los nicht anders gestaltet hat. Für mich ist und bleibt sie ein Stückle Heimat, und wir wollen beisammen sein, so oft es geht.
Denke Dir, Monz schickte mir als Einweihungsgeschenk ins neue Heim Goethes Gedichte. Aber o Himmel, auch seine eigenen Gedichte mit dazu. Und was das ärgste ist, wünscht meine Meinung über beide Bücher zu erfahren. Einen einzigen Blick habe ich in das seine getan und schwelge seither, so oft ich einen freien Augenblick habe, in Goethes Gedichten. Gott, es ist eine Beseligung! Im Anfang machte es mir fast Gewissensbisse, stundenlang über einem Buch zu sitzen. Aber wie schnell gewöhnt man sich an die langentbehrte, eigentlich nie besessene Freiheit.
Und weißt Du, Theresens leichten Schritt im Nebenzimmer zu hören, wie sie kommt und geht und sorgt und mir sogar des Morgens das Frühstück aufs Zimmer bringt.