»Bleib nur liegen, Nannele, ich bring dir's Kaffeele ins Bett.« –

So was wieder zu hören und miteinander des Abends nach Herzenslust von unseren Lieben plaudern zu können bei der Näherei, denn ich muß ganz neu ausstaffiert werden, da ich mir seit Jahren nichts angeschafft habe und mein bestes schwarzes Kleid nun schon gehörig spiegelt.

Ich höre meine liebe Caton in höchster Ungeduld ausrufen – »aber wie und wo wohnt ihr denn, meine Schwestern? Wie geht's mit der Schule, mit deinem Umgang – gibt es so nette Leute in Rastatt wie hier in Celle?«

Das alles höre ich mein Catonele fragen, aber hab' ein wenig Geduld, das Einzelne muß sich erst aus dem Ganzen herausschälen. Zu viel der Eindrücke sind's, mit denen ich zu tun habe, so daß ich nicht weiß, wo anfangen, und doch auch nicht alles auf einmal sagen kann.

Dies Schloß ist wie ein Bienenkorb, in dem eine Unmasse Wesen sich's heimisch machen und kommen und gehen und ihr Tagwerk betreiben.

Da sind die Herren vom Hofgericht mit ihren Familien, die die rechte Seite des Schlosses bewohnen – das Wasser- und Straßenbau-Amt, der Schloß-Architekt, der Oberförster – alle mit Familien – da ist eine Bildergalerie, das Offizierkasino, das Museum, der Theatersaal – die Militär-Wache. –

Endlich, im nordöstlichen Flügel des Schlosses, dem sogenannten Sibyllenbau, ist meine Schule – die Höhere Töchterschule, mit einem Seiteneingang durch einen kleinen, viereckigen Hof – ein Höflein wie ein Traum, besonders wenn der Mond hineinscheint und an den hohen, wettergeprüften, schon ins Hellrot spielenden Mauern bald dunkle Schatten, bald lichte Streifen hinziehen; dazu eine Stille wie im Grab. Das Leben in den Hauptteilen des Schlosses ist durch hohe Mauern von hier abgeschnitten, unser kleines Reich ist ganz für sich, da der äußere, um das Schloß herumführende Balkon teilweise schwer beschädigt, also nicht mehr benutzbar ist.

Ich habe zwei Klassen, je mit zwei Abteilungen, in die sich zweiundfünfzig Schülerinnen verteilen – die Kinder der Beamten, Offiziere und Honoratioren des Städtchens.

Als ich das erstemal den Katheder betrat, um meine kleine Welt zu begrüßen, hüpfte mir das Herz vor Freuden beim Anblick dieser zaghaft zu mir aufblickenden Augen, dieser schüchternen, mich so durchaus bürgerlich anmutenden Geschöpfchen. Gott sei Dank, keine Ausnahmekinder, sondern schlichte, unverdorbene Kleinstädterle habe ich vor mir.

Freilich, ich sehe wohl, daß es in meiner neuangetretenen Pflanzung gar vieles zu säen, zu begießen und auszujäten gibt, manche Auswüchse zu beschneiden, ineinander verwirrte, schlaffhängende oder widerspenstig ausgespreizte Ranken zu lichten, zu heben und zu stützen. Doch ich hoffe, da der Same gut und Eifer und Einsicht des Gärtners das ihrige tun, daß auch Gott das Gedeihen und seinen Segen dazu geben werde. Habe ich doch mehr und mehr eingesehen, welch eine Pflichtschwere eine Erzieherin sich aufbürdet. Ihr Beruf ist Lehren und Ermahnen – sollte da nicht auch ihr Leben eine Lehre sein, frei von allen großen und kleinen Fehlern, ja von störenden Gewohnheiten und Manieren?