Es ist ein heiliger Beruf, Nannele, hat Lehrer Kiesel zu mir gesagt, aber o Himmel, seine Manieren – waren diese nicht eher alles andere als nachahmungswürdig? Und Frau Klementine in der Klosterschule, erinnerst Du Dich, Caton, wie wir heimlich kicherten, wenn sie sich blitzschnell umdrehte, um zu schnupfen, und dann mit Daumen und Zeigefinger die Spuren des Schnupftabaks von ihrem weißen Vortuch wegschnellte? –
Wir Lehrer müssen wissen, daß es nichts Grausameres und Spottlustigeres gibt als Kinderaugen, und uns danach richten. Schon mancher kleine Ellenbogen hat sein behagliches »Über-den-Tisch-Lungern« aufgegeben angesichts meiner Haltung auf dem Katheder, und manche rauhe, ungebührliche Kinderstimme hat sich auf die freundliche Art meiner Rede gestimmt.
Und welch eine Entdeckung machte ich neulich. Ein Fingerchen erhob sich, und die Anzeige wurde gebracht: »Es hat d' Schul' g'schwänzt.«
»Es« war Forstmeisters Linele, ein ganz herziges Kind. Die Kleine gestand unter Tränen, daß sie an der Murg drunten Püpplewäsch g'habt. Ich nahm ihr die Händchen vom Gesicht, sie schluchzte herzbrechend.
»Warum hast du so Angst, Kind?«
»Vorem Sibylleloch.« –
Große Stille. Alle Kinderaugen hingen mit ängstlicher Spannung an meinem Gesicht.
»Was ist das Sibyllenloch?« fragte ich. »Warum hast du so Angst davor?«
»Wir werde neing'sperrt, wann wir bös sind.«