»Nach der Stunde zeigt ihr mir den Ort.«
Von den andern Kindern gefolgt, führte mich die Kleine zu einer Tür im Erdgeschoß, am Ende eines großen Raumes, in dem das Brennholz aufgespeichert lag. Im Schloß der Tür steckte ein Schlüssel. Ich öffnete und sah in einen dunklen, kellerartigen Raum, aus dem moderige Dünste stiegen.
»Welch eine Luft«, entfuhr es mir unwillkürlich.
»Und geistere tut's au«, meinte ein kleines Mädchen.
Ich warf die Tür zu, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Damit ist's aus«, sagte ich, worauf alsobald ein wilder Freudentanz entstand, an dessen glückseliger Verzücktheit ich nur zu gut erkannte, wie groß die Angst und das Grauen gewesen sein mußten, dem diese armen Kleinen durch eine so unmenschliche Strafe bisher ausgesetzt waren.
Welche Macht haben doch die Lehrer, und wie mancher unter ihnen wendet diese nicht zum Heil, sondern zum Unheil der Kinder an. Wie oft fällt mir Hermanns Verzweiflung über den Mathematiklehrer ein. Wenn Mathematik auf dem Stundenplan stand, kam der arme Kerl schon mit einem finsteren Gesicht zum Kaffee, und die Mutter sagte: »Iß ein zweites Brötle, Bubele, zur Stärkung«, während Vater mit gerunzelter Stirn ein sorgenvolles »Hm« hören ließ, im voraus der roten Ohren gedenkend, die unser Jüngster regelmäßig aus der Mathematikstunde mit heimbrachte.
Weißt Du noch, Caton, ohne Dir viel Mühe mit dem Lernen zu machen, warst Du stets der erkorene Liebling Deiner Klassenlehrerin, ich aber hatte an Frau D. eine strenge Widersacherin und sollte einmal den Boden küssen – auch eine unwürdige Strafe – weil ich Lenchen in der Geographiestunde mit Einsagen geholfen. Ich weiß nicht, wie's geschah, aber statt des Bodens küßte ich den Rocksaum der Klosterfrau, die darob in die größte Verlegenheit geriet und von Stunde an sich weniger hart gegen mich zeigte.
Ach, sollte es für den Lehrer nicht der schönste, der größte und heiligste Ehrgeiz sein, den Kindern die Schule liebwert zu machen, daß sie mit frohen Gesichtern kommen und mit frohen Gesichtern gehen?
Übrigens, da hab' ich ein dickes Kätterle in der Klasse, dem fiel neulich die Schultasche auf den Boden, und aus ihr kollerte eine solche Menge von Brot, Äpfeln und Nüssen, daß ich erstaunt fragte: »Aber, Kätterle, das kann doch nicht alles für dich sein?«