»Doch,« sagte das Kind, »'s isch alles für mich.«
»Ja, wollen denn deine Eltern, daß du das alles ißt?«
»Ja,« nickte die Kleine, »der Vater sagt: ›Iß recht, Kätterle, ich hab' Hunger leide müsse daheim‹.« –
So kommt wohl der Wechsel ins Leben. Haben die Eltern gehungert, bekommen die Kinder zuviel. Und wenn die Kinder unter dem Zuviel einst zu leiden haben, werden sie nicht ihre Kinder davor zu bewahren suchen? Und ist es nicht am End so mit allem in der Welt, daß sich mählich jeder Druck ins Gegenteil verwandelt?
Aber ich weiß, Du willst keine Reflexionen, sondern vor allem wissen, wie wir leben, ob wir glücklich sind.
Ja, Caton, wir sind's; und ist das Tagewerk getan, kommt's zuweilen sogar zu einem lauten Freudenausbruch meinerseits, daß ich mit ausgebreiteten Armen durch alle unsere Stuben eile, gleichsam fliegend mein Hochgefühl zum Ausdruck zu bringen suchend. Und wenn dann Therese sagt: »Nannele, du bist ein Närrle«, so falle ich ihr weinend und lachend um den Hals, so dankbar, ach so dankbar, daß ich nun eine Heimat habe und ein Herz dazu, das mich begreift und mir erlaubt, zu sein, wie ich bin, sogar ein wenig unvernünftig. Du solltest uns einmal in unserem schönen, großen Wohnzimmer sitzen sehen, inmitten der lieben, wohlerhaltenen Elternmöbel, die so vertraut uns anheimeln und von unsern Lieben reden, die wir nicht mehr haben, und von denen, die noch mit uns dieselbe liebe Gottesluft atmen.
Es ist unsere Freude, daß Dein Ältester das Fach seines Vaters erwählen und Architekt werden will. Und merkwürdig dünkt uns, daß Hermanns Patenkind, Euer Hermännle, sich darauf kapriziert, Offizier zu werden, als sei ihm mit der Patenschaft die Sehnsucht des Onkels zum Militärstand eingeimpft worden.
Unser Jüngster prangt jetzt als feines Auditörle und im Hochbesitz eines Pferdes in der lieben Freiburger Heimatstadt, und nach seinen Briefen zu schließen, möchte er mit keinem König der Welt tauschen.
Unsere Wohnung, Caton, ist einfach fürstlich. Weite Gemächer mit gewölbten Plafonds und so hohen Fenstern, daß wir die ganze Zeit dabei sind, unsern Vorhängen die nötige Länge anzusetzen. Merkwürdigerweise nehmen sich in dieser äußeren Pracht unsere großen, massiven Möbel gar nicht schlecht aus; ja, noch nie hat mir Mutters gelbe Kirschholzkommode mit den schwarzen Säulchen so gut gefallen wie hier, zwischen den beiden Fenstern. Ganz wie daheim hat die große Wiener Rokoko-Uhr ihren Platz auf der Kommode, und zu Theresens Kummer bleibt jene unwiderruflich bei ihrem alten Fehler, stets vorzugehen, wie auch unsre liebe Caton dabei bleibt, Theresens ängstliches Schwesterherz immer von neuem durch allzu lange Schreibpausen zu betrüben.