Gleich dem Wohnzimmer liegen auch das etwas kleinere Eßzimmer sowie unsere sehr geräumigen Schlafzimmer nach Osten, mit dem Blick auf den sich weit ausdehnenden Schloßgarten mit seinen prachtvollen, uralten Kastanienalleen. Die lichtblauen Ausläufer der Badener Berge ziehen sich am Horizont hin und erwecken manchen Seufzer der Sehnsucht nach den höheren und dunkelblaueren Bergen unserer geliebten Heimat. Die Schulräume befinden sich auf einem besonderen Korridor gen Westen. Einige unbewohnte Räume sind auch noch da, liegen unter Schloß und Riegel. Wer weiß, ob man sie nicht eines Tages öffnen wird? – Denk, ich träum' das zuweilen, o Caton, und wir malen's uns aus, Therese und ich, wie das wäre, wenn Petersens sich entschließen würden, einen Sommer bei uns zuzubringen. Es wäre ein so hohes Glück, daß wir nur leise daran zu rühren wagen.

Von den Nordfenstern meines Eßzimmers sehe ich zu dem stattlichen Bau hinüber, dem ehemaligen Piaristenkloster und jetzigen Lyzeum. Aus rotem Sandstein wie das Schloß, leuchtet es zwischen den beiden mächtigen, uralten Linden hervor, die seine Flanken zieren. Über dem Ganzen liegt ein wunderbarer Hauch alten Klosterfriedens, dem ich mich an stillen Mondscheinabenden nur zu gern hingebe.

Muß mich doch die Schönheit dieses Schlosses und der eigenartige Zauber, der von ihm ausgeht, für gar manches entschädigen, denn ich glaube nicht, daß die in meinem Innern stets so rege Sehnsucht nach Menschen, zu denen ich aufblicken dürfte, hier jemals eine Befriedigung finden wird.

Einstweilen wenigstens sieht es nicht danach aus. Ein Hauskreuz ist mir gleich in Gestalt der Unterlehrerin, die ich vorfand, als Geduldsprobe zur Seite gegeben.

Fräulein Plump benimmt sich gegen mich durchaus artig – d. h. falschartig, gegen Therese aber führt sie die dreisteste Sprache. Aus Eifersucht, meines Erachtens, denn Therese, die die Kinder manchmal in der freien Viertelstunde beaufsichtigt, erfreut sich der ganzen Zuneigung meiner Zöglinge, die für Fräulein Plump so gut wie nichts übrig haben.

Ich muß auf Theresens Befehl des Morgens zwischen den drei Stunden, die ich zu geben habe, ein Ei nehmen, saß also gerade im Eßzimmer, als die Tür des Wohnzimmers aufflog und Fräulein Plumps Stimme ertönte.

»Ich will Ihne nur sage,« schrie sie Therese an, »das laß ich mir net g'falle – Sie mache mir die Kinder abspenstig und hetze geger mich – und jetzt ist auch der Schlüssel von Sibylleloch weg, und wenn ich der nit hab, werd ich gar nimmer Meister – und so gebe Sie ihn gleich auf der Stell' raus.« –

»Fräulein Plump,« sagte ich, »der Schlüssel bleibt, wo er ist. Sie müssen versuchen, den Kindern durch Ihren Charakter zu imponieren, nicht durch eine so menschenunwürdige Strafe wie bisher.«

»So,« meinte sie verlegen, »wie Sie wünschen, Fräulein Villinger« – und griff nach der Türklinke.

Eben das ist mir so furchtbar widerwärtig an dem Mädchen – sobald man ihr dezidiert entgegentritt, ist sie feig, sonst so frech als möglich.