Noch warte ich zu. Fräulein Plump ist ohne Vermögen, also von ihrem kleinen Gehalt abhängig. Sollte sie sich jedoch als wirklich böse entpuppen, werde ich mich durchaus eines solchen Elementes zu entäußern suchen, um so mehr, als ihre Kenntnisse so gering sind, daß sie nicht einmal für die unterste Klasse genügen. Einstweilen soll sie bemerken, daß sie beobachtet wird. Es ist mir schon aufgefallen, daß Fräulein Plump gegen die Herren, die mit meiner Schule zu tun haben, die Untertänigkeit in Person ist. Damit ließe sich vielleicht rechnen, daß sie unter einem männlichen Vorgesetzten etwas besser am Platz wäre.
Ich habe in der kurzen Zeit meines Hierseins doch schon soviel Vertrauen zu erringen vermocht, um einigermaßen selbständig handeln zu dürfen. Herr von Stockhorn würde mir gewiß nie etwas in den Weg legen. Er gehört zum hiesigen Hofgericht und hat eine Art Oberaufsicht über die Töchterschule. Oft bringt er sein Töchterchen selbst in die Klasse und wohnt einer französischen oder deutschen Stunde bei, und wiederholt hat er mir seine Zufriedenheit über die Art meines Lehrens ausgedrückt. Die Kinder lieben ihn unbeschreiblich und jubeln ihm schon von weitem zu. Der liebenswürdige Kinderfreund hat immer die Taschen voll reizender Papierpüppchen, die er unter die Kleinen verteilt, die keinen heißeren Wunsch haben, als ein Stöckhörnle zu besitzen.
Ach, ein so ganz anderer ist unser Professor. Er gibt in der oberen Klasse Rechnen, Naturgeschichte und Zeichnen. Aber er behandelt die Mädchen nicht anders als seine Lyzeumsschüler, teilt Ohrfeigen und Stockschläge aus und fängt seine Stunde gewöhnlich mit einem knurrenden: »d' Konzepte raus« – an. Oder: »Ufpaßt heut, zum Donnerwetter.« –
Von Manieren hat er keine Ahnung.
»I weiß, i bin saugrob,« sagt er von sich selbst, »aber z'leid bin ich's.«
Er ist nämlich voll Wut über die Behörden von Karlsruhe, die so lange säumen, ihn an das Lyzeum einer größeren Stadt zu berufen. Davon spricht er immerzu und kann sich nicht genug tun an Schelten und Nörgeln.
Trotz allen Ärgers, den mir sein ungattiges Wesen verursacht, muß ich doch auch wieder über ihn lachen, denn er kommt daher, als träte er direkt aus dem schönsten Regenbogen heraus. Alles strahlt in Farbenpracht an diesem untersetzten, dickköpfigen Mann. Der Rock königsblau, die Weste orangegelb, die Halsbinde karminrot und die Hose hellgrau. Auf den schwarzen Löckchen sitzt ein schiefer, breitrandiger Zylinder, unter dem grelle, blaue Augen beleidigt in die Welt schauen. Auch die Kinder lachen heimlich über ihn, während es weder ihnen noch mir einfällt, über Fräulein Plump zu lachen. Sie ist zu böse. Wie sie los werden, ohne ihr zu schaden? Diese Frage steht mit mir auf und geht mit mir zu Bett.