Rastatt, den 7. April 1842.
Liebste Caton!
Dein Hermännle und unser Hermann, sie leben hoch zu ihrem heutigen Namenstag! Eine mächtige Linzertorte ist nach Freiburg zum Auditörle gewandert. Als kleiner Bub hat er einmal ein Stückchen Linzertorte gestohlen und es mir in seiner Aufrichtigkeit gebeichtet. So geht's im Leben, jetzt hat er eine ganze.
Ich bin sehr aufgeräumt, wir hatten eine prächtige Geographiestunde auf der Plattform des Schlosses. Köstlich, das Gewusel von kleinen Mädchen zu Füßen des vom Jupiter beherrschten großen Laternenturmes. Die Rundsicht, die sich da oben bietet, ist prachtvoll, und meine Kinder lernen auf die angenehmste Weise ein gutes Stück unseres Landes kennen, und ihre jungen Augen sind gar eifrig im Auffinden der fernsten Punkte. Rings um das Städtchen werden jetzt Wälle aufgeworfen, von allen Seiten kommen Steinfuhren zum Bau der großen Festung, die Tausende von Arbeitern beschäftigen soll. Einstweilen sieht es recht unordentlich in der nächsten Umgebung Rastatts aus. Nun, wir sehen darüber weg ins sich weitöffnende Murgtal mit den dunklen Schwarzwaldbergen – Ebersteinburg, der Merkur, die Badener Höhe grüßen herüber. Wir erblicken in der endlosen Rheinebene das Straßburger Münster und gen Süden die Vogesen, gekrönt von der Hochkönigsburg. Nach Norden entdecken wir über das Häusermeer von Karlsruhe hinweg den Dom von Speier, den Durlacher Turmberg und beinahe noch den Melikobus im Odenwald – so klar war die Luft.
Beschäftigen wir uns mit der Geschichte Rastatts, versäumen wir nicht, das berühmte Friedenszimmer aufzusuchen mit seinen kostbaren Holzvertäfelungen. Hier haben die denkwürdigen Friedensverhandlungen stattgefunden zwischen Prinz Eugen und dem Marschall Villars, die den langen Erbfolgekrieg zum Abschluß bringen sollten. Und einige Jahrzehnte später tagte hier der Reichsfriedenskongreß unter Markgraf Karl Friedrich.
Diese geschichtlichen Ausführungen interessieren vielleicht Deine jetzt gewiß eifrig mit Geschichte beschäftigten Knaben, daher meine Ausführlichkeit.
Und nun zu Deinen Fragen, Caton. – Nein, es hat sich bis jetzt kein Verkehr für uns gefunden. Die bürgerlichen Mitbewohner des Schlosses leben alle mehr oder weniger ganz abgeschlossen für sich. Des Abends sieht man wohl die Beamten im Zereviskäpple, das Pfeifle im Mund, unter dem Fenster liegen und spazieren schauen; die Frauen scheinen äußerst fleißig und rührig zu sein. Therese trifft sie schon in aller Frühe auf dem Markt. In ihren vier Wänden bewegen sich Mütter und Töchter im Bettkittel, weshalb ein Besuch großes Unbehagen hervorruft. Ich habe eine solche Aufregung einmal verursacht, als ich die Mutter einer meiner Schülerinnen sprechen wollte. Sie erschien im Mantel mit der Behauptung, eben nach Hause gekommen zu sein. Anders scheint sich das Leben auf der rechten Seite des Schlosses abzuspielen, wo die Hofgerichts- und Militärbehörden wohnen. Wenn Musik im Museumsgarten ist, sieht man die jungen Offiziersfrauen in neumodischen Kleidern paradieren, wie sie im nahen Baden die Mode des Tages mit sich bringt. Therese und ich genießen mit Wonne die Militärmusik und promenieren zwischen dieser uns fremden Welt, von der Menge kaum beachtet, aber immer freundlich begrüßt von Herrn von Stockhorn, der nach wie vor meiner Schule das wärmste Interesse zeigt.
Er hat mir sogar im Vertrauen mitgeteilt, daß er im stillen alle Schritte tue wegen der Versetzung des Professors. Bis jetzt freilich noch ohne Erfolg.
Ach, und unsre Plump! Dieser täglich von neuem aufzunehmende Kampf mit meiner Antipathie! – Weiß ich doch, wie eifrig sie bemüht ist, mir in Rastatt zu schaden, wo sie kann. Aber meine Kinder werden als meine guten Engel für mich eintreten, das weiß ich auch. Die Freude, die mir meine Schule gibt, nimmt überhaupt mit jedem Tag zu. Immer mehr gewinne ich Einfluß auf die mir anvertrauten jungen Gemüter. Ich bin eben eifrig daran, ihnen den Aberglauben auszutreiben, die Markgräfin Sibylla gehe im Schloß um.
Ich habe mich genau über deren Leben erkundigt. Herr von Stockhorn stellte mir Bücher aus der Schloßbibliothek zur Verfügung, aus denen ich ersehen konnte, welch eine vortreffliche Regentin die Markgräfin nach dem frühen Tod ihres Gemahls, des Türken-Louis, war. Wie gütig und großmütig sie sich der Armen annahm, und wieviel sie tat, um die Nachwehen der so lange auf Rastatt lastenden Kriege für ihre Untertanen erträglich zu machen. Und hat sie diesen ein größeres Geschenk machen können als durch die Errichtung von Bildungsstätten für Rastatts Jugend? Eine Fürstin ohne inneren Wert, der das Wissen gleichgültig ist, stiftet keine Schulen.