Dann kommen mir freilich die Kinder mit der Frage: »Wenn sie nichts Böses getan, warum steht in der Vorhalle der Schloßkirche im Boden eingeschrieben: ›Betet für die große Sünderin Sibylla 1733.‹ – Warum hat sie im Park des Lustschlosses Favorite die Eremitage erbaut und sich gegeißelt und Buße getan?«
Ich konnte den Kindern nichts anderes sagen, als wie ich mir selbst im eigenen Innern das Schicksal dieser hervorragenden Frau deute. War ihr Leben nicht umdüstert durch schwere Kriegszeiten, daß sie Schreckliches an Greueln erleben mußte im eigenen Land und wohl noch Schrecklicheres durch die Habgier, Grausamkeit und Falschheit des Feindes? So kam im Alter die Müdigkeit über sie und die Sehnsucht, einer Welt zu entfliehen, die soviel des Argen in sich barg. Sie ergab sich Gott; wer sich aber Gott ergibt, der wirft alle Hoffart von sich, und sein Denken und Tun ist Demut bis zur Selbstentäußerung. Sie will nichts mehr scheinen, sie fragt nicht nach dem Urteil der Welt. Diese Welt hat Christus geschmäht; sie will um seinetwillen auch geschmäht, verkannt und verhöhnt werden.
So deute ich mir die Empfindungen, welche die Markgräfin Augusta Sibylla am Schluß ihres Lebens leiteten. Soviel man eben deuten kann, denn das Rätselhafte in eines Menschen Brust bleibt uns verborgen und ist doch vielleicht das Ausschlaggebende für sein Handeln.
So ungefähr sprach ich zu den Kindern. Die Gedanken, wie ich sie ihnen ausdrückte, sind mir in der Hofkirche gekommen, die die Markgräfin erbaut und auf das kunstsinnigste ausstattet hat. Gleich beim Eingang rechts in dem kleinen Kapellchen ist ihre letzte Ruhestätte. Und eine schönere, weihevollere hätte sie sich nicht erwählen können. Ein jeder schreitet in der Vorhalle über die Bodenplatte, in die mit Messingbuchstaben jene Worte eingelassen sind: »Betet für die große Sünderin Sibylla Augusta 1733.«
Und indem ich für sie bete, kann ich nicht umhin, mich immer wieder mit ihrer seltsamen Wandlung zu beschädigen. In dem herrlichen Deckenfresko der Kirche ist die Auffindung und Verehrung des Kreuzes Christi durch Kaiserin Helena dargestellt.
Die fromme Kaiserin zog nach Jerusalem, um unter dem Schutte, der seit der Zerstörung der heiligen Stadt die geweihte Stätte bedeckte, das Kreuz des Heilandes aufzusuchen. Man grub drei ganz ähnliche Kreuze aus; welches mochte das richtige sein? Man ließ eine vornehme Frau aus der Stadt, die dem Tode nahe war, die drei Kreuze berühren. Schon hatte die Sterbende zwei Kreuze berührt, ohne Wirkung. Da sie das dritte berührte, stand sie auf und war gesund. Nun konnte für Helena kein Zweifel mehr sein; überglücklich sinkt die Kaiserin vor dem heiligen Kreuz in die Knie.
Diesen Augenblick bringt der Künstler in seinem Werk, und als Kaiserin Helena hat er die Erbauerin der Kirche, Markgräfin Augusta Sibylla, dargestellt, eine schöne, königliche Frau.
Sollte in dieser ihrer Beschäftigung mit heiligen Dingen, an ihrer offenbar genauen Kenntnis des Lebens der Heiligen, deren Abbilder überall an den Wänden und Decken der Kirche angebracht sind, sollte dieser Verkehr mit dem Überirdischen nicht den Grundstein gelegt haben zu dem späteren Leben der Markgräfin, so daß es ihr erging wie Saulus, der immer wieder von Christus gehört und so viel von ihm hörte, bis ihn einstens eine Stimme vom Himmel in Paulus, den eifrigsten aller Christus-Jünger, verwandelte.
Hat nicht auch Sibylla eine solche Stimme vernommen, wie alle jene, die plötzlich der Welt entsagt und ihr Leben Gott und der Einsamkeit geweiht? –
Eine solche Stimme, wie unbeschreiblich zwingend, wie niederschmetternd und von hoher Gewalt muß sie sein, daß sie den, dem sie ertönt, aus dem gewohnten Lebenskreis herausschleudert und eine an Herrschen und Wohlleben gewohnte Fürstin zur armen, büßenden Sünderin macht.