Rastatt, 10. September 1843.

Endlich kann ich Deinen Wunsch erfüllen und Dir einen Modebrief schreiben. Groß waren die Vorbereitungen für den Tag in Baden, der mir ja auch ein Wiedersehen mit Monz und zugleich die Bekanntschaft mit seiner Frau bringen sollte. Da wir nicht als völlige Landpomeränzle in dem eleganten Baden erscheinen wollten, entschlossen wir uns, etwas tiefer in meinen nicht mehr so leeren Beutel zu greifen, und schafften uns neue Kleider an. Zum erstenmal seit dem Tod der Eltern wieder farbige, und zwar wählten wir dunkelblauen Barege, der leicht ist und darum angenehm, weil die Röcke jetzt von größerem Umfang sind. Die Gigot-Ärmel sind zu Grabe getragen. Man hat aber doch noch die Wahl zwischen dem ganz enganliegenden und dem etwas gepufften Ärmel, welch letzteren ich mir erwählte, ebenso die etwas losere, mit einem Gürtel zusammengefaßte Taille. Therese hat sich für Schnepptaille und enge Ärmel entschieden. Eine große Rolle spielt die Mantille. Aus Mutters achteckigem schwarzen Kaschmirschal ließen sich prächtig zwei Mantillen herstellen, eine für Dich und eine für Therese. Für die Deine muß aber noch eine Ausgarnierung erfunden werden. Meine Mantille wurde aus meinem ehemaligen blauen Seidenkleid, das ich aus Nancy mitgebracht, verfertigt. Therese hat sich nicht wenig den Kopf zerbrochen, bis sie die Form herausbekam. Aber es gelang. Die Mantille ist wohl etwas schmal, aber mit langen Enden. Rüschen vom selben Stoff sind der Aufputz.

Uns wunder wie fein wähnend, fuhren wir am letzten Sonntag mit der Frühpost nach Baden. Ach, wie verblaßte die Pracht unserer Gewänder gegen die, welche wir auf der Promenade vorfanden! Schleunigst ließen wir das letzte Fünkchen Eitelkeit von dannen fahren und sperrten Mund und Augen auf beim Anblick all der herrlichen Erscheinungen, die vor uns auf und ab promenierten. Denke Dir ein schwarzes Atlaskleid, unten mit einem wohl eine halbe Elle breiten Besatz von Zobelpelz. Um die Mantille einen ebensolchen, nur etwas schmaler. Reifartig, in schweren Falten steht der Rock von der Person ab; die Wespentaille hat einen viereckigen Ausschnitt, und aus dem hoch mit Federn garnierten Hut wallen langgeschweifte Seitenlocken fast bis auf die Mitte der Taille. Weite, bauschige Röcke, wo man hinsieht, die Hüte nicht mehr das halbe Gesicht zudeckend, sondern der Rand weit offen bis in die Mitte des Kopfes, so die Frisur und den Kopfputz freilassend, der oft aus ganzen Rosengärten besteht. Sehr viel sieht man die sogenannte Ferroniere, ein dünnes Goldkettchen, welches ein kleines Juwel, eine Perle oder dergleichen in der Mitte der Stirne festhält. Ach, Caton, es ist mir nicht möglich, aus dem Chaos von übertriebenen Toiletten noch mehr zu beschreiben. Ich wurde bald des Schauens müde und kann Dir nur sagen, für unsereins ist hier nichts zu suchen, also hat es gar keinen Wert, sich weiter in die mysteriöse Welt der Mode zu versenken. Ich plauderte mit meinem lieben Lenchen, freute mich der trauten Freiburger Sprache, und wir schwelgten in der Vergangenheit bei den lustigen Walzerweisen der Kurkapelle. Wir sind auch durch die Spielsäle gegangen, ach, und mir wurde wund ums Herz beim Anblick dieser eleganten Herren und Damen, so jung noch und oft so alt, die für nichts Sinn hatten, als den Haufen Goldes, das der Croupier einstrich oder einem Gewinner hinzählte. Welch eine Welt! Sie widerte mich bis ins Innerste an, ein seltsames Heimweh ergriff mich nach dem Guten, dem Schlichten und wahrhaft Schönen in der Welt. Ich drängte Therese und Lenchen zu den Spielsälen hinaus und ruhte nicht, bis wir fort vom Konversationshaus auf einem herrlichen Bergwald ankamen, von dem aus man das einzig schöne Tal inmitten seiner Berge liegen sieht. Nie habe ich die Natur so geliebt als jetzt, nachdem ich einen Blick getan in diese trostlose, oberflächliche Welt von Modepuppen und Hasardspielern.

Jetzt führe ich Dich in den Gasthof der drei Könige, wo wir zu einem frühen Nachtmahl geladen sind von Geheimrat Monz und Gemahlin.

Das Rendezvous war längst zwischen uns ausgemacht, aber sie hatten unterwegs ein Malheur mit der Post und kamen darum erst heute statt gestern an.

Monz war immer ein wenig feierlich, jetzt ist er der Geheimrat in seiner unantastbaren Würde. Seine Haare sind etwas grau geworden, aber seine Augen blicken mit der alten Schärfe durch die Brillengläser, und auch sein Lächeln, das nie zum herzlichen Lachen wird, ist sich gleichgeblieben.

Seine Frau, die mit residenzlicher Würde ihren prachtvollen Federnhut trägt, im ganzen aber einen behaglichen, gutlaunigen Eindruck macht, begrüßte mich mit den Worten: »Also so sehen Sie aus – wirklich ganz anders, als ich gedacht hätte – Sie glauben nämlich nicht, wie neugierig ich war, die Frau kennenzulernen, die sozusagen meinem Mann den Weg zu seinem ferneren Wirken wies.«

Ein wenig erstaunt, wandte ich Monz den Blick zu.

»Ja, ja,« nickte er, »Sie waren mir eine liebe, äußerst interessante Schülerin; Ihre unbedingte Anerkennung hat mich allerdings auf die große Empfänglichkeit der weiblichen Psyche aufmerksam gemacht. Sie waren damals in Freiburg eine Ausnahme, jetzt sind meine Unterrichtsstunden in der Mädchenschule ein Ereignis für die Jugend. Als Königlicher Geheimrat bin ich mit der Oberaufsicht der höheren Mädchenschulen betraut. Aber noch bin ich nicht zufrieden, möchte ich mehr erreichen.«