Er sprach und sprach, zuweilen ärgerliche Blicke auf einen vorübereilenden Kellner oder fremde Ankömmlinge werfend, die sich unterstanden, in der Nähe unseres Tisches laut zu sprechen.

Mir war recht wunderlich zumute; ich fragte mich: Hat er denn früher schon dieses Gönnerhafte an sich gehabt, das mir jetzt so unangenehm auffällt?

»Jetzt kommt die eigentliche Sache,« sagte er, »die Sache, um die es sich handelt – nämlich, ich bin mit der Bildung einer neuen höheren Mädchenschule beschäftigt. Eine horrende Arbeit, selbstverständlich. Was aber würden Sie sagen, Fräulein Villinger, wenn ich in dieser Angelegenheit an Sie gedacht hätte?«

»Wieso?« fragte ich. »Ich habe doch meine Töchterschule in Rastatt.«

»Das lassen Sie natürlich sein,« sagte er, »das wollen wir schon machen. Einer kleinen Prüfung müßten Sie sich bei mir freilich noch unterziehen. Dann aber sollen Sie unter meiner Leitung zu einer geradezu exemplarischen Lehrerin heranreifen. Das ist meine Überzeugung. Nun, was sagen wir zu diesem Vorschlag?«

Nur mit Mühe konnte ich annähernd artig antworten: »Ich bin aufrichtig überrascht, Herr Geheimrat, aber meine jetzige Stellung ist mir so lieb, daß ich sie um keinen Preis aufgeben möchte.«

»Ist das Ihr Ernst – Anna Villinger – sind Sie denn nicht mehr die Alte?«

»Nein, ich bin viel älter geworden,« gab ich ihm lachend zur Antwort, »älter und selbständiger, Herr Geheimrat.«

»Selbständiger?« fiel er mir in die Rede. »Eine Frau ist von Natur nie selbständig, dazu ist der Mann da, mit seinem Wissen, seiner Erfahrung und seiner geistigen Überlegenheit, die sich eine Frau niemals zu erringen vermag. Liebe Freundin, Sie befinden sich meines Erachtens auf einer abschüssigen Bahn, und ich rate Ihnen, die Hand zu ergreifen, die sich Ihnen wohlwollend entgegenstreckt.«

Gottlob, Lenchen kam, um uns zur Post abzuholen.