Es ist aber gar nicht zum Lachen, denn da der Lehrer seinen Schülern gegenüber notwendigerweise stets recht haben muß, so liegt die Gefahr nicht weit, sich dieses Immer-recht-haben-Wollen als etwas Selbstverständliches anzugewöhnen. Monz soll mir als abschreckendes Beispiel dienen.
Rastatt, den 7. Juni 1844.
Die Kinder singen im Hofe:
»Und ich wett mit dir um ein halb' Maß Bier,
Und die Eisenbahn isch noch nit hier,
und du hascht kei Geld, und du kriegscht kei Geld,
und du darfscht nit mit nach Friedrichsfeld.«
Aus dem Unterland, wo die Eisenbahn jetzt fährt, kommt das Versle angeflogen.
Jetzt geht sie von Karlsruhe nach Offenburg, und schon im nächsten Jahr soll sie bis Freiburg gehen.
Weißt du noch, Caton, wie wir als Kinder von Menschenflügeln träumten? Sollte das jetzt noch schwerfällige Dampfroß der Anfang sein, aus dem in späteren Zeiten sich allmählich ein leicht flatterndes Flügelpaar entpuppt? Einstweilen wollen wir indes mit dem, was uns jetzt beschert ist, zufrieden sein. O Gott, beglückt bis in die letzte Faser unsres Herzens. Welch ein Umschwung für die Menschen, die nach einem Wiedersehen schmachten – o Caton, Luftschlösser steigen aus dem Grunde meiner Seele in bisher ungeahnter Pracht auf. Die Möglichkeit eines Wiedersehens rückt näher und näher. Sechzehn Jahre fast liegen seit unserm letzten Beisammensein im Elternhaus. Die Jugend ging, aber die Liebe blieb.
Siehst Du, was alles aus der sparsamen Führung eines Haushaltes entstehen kann an Freude und Glück, wenn der Sparpfennig langt? Heil unsrer Therese, die es versteht, am rechten Fleck hauszuhalten, ohne Engherzigkeit, aber mit dem Überblick einer erfahrenen Hausfrau. So haben wir die Ellenbogen frei, brauchen nicht ängstlich zu rechnen, sondern dürfen uns mit unaussprechlicher Genugtuung sagen: Auch für die Freude ist etwas übrig. Habe ich einen solchen inneren Jubel jemals mit achtzehn Jahren erlebt wie jetzt in meinen dreißiger Jahren?
Nämlich wir wollen im nächsten Frühjahr – ach, Caton, der heiße Wunsch unsres Herzens –, wir wollen unser Freiburgle wiedersehen – die Ostergesänge im Münster wieder hören, in das freudige, weltbezwingende Halleluja mit den Sängern auf dem Chor einstimmen – die geliebten Gassen durchschreiten – unsre Gäßle, Caton – und am Grabe der Eltern beten. –