Aber bis dort ist es noch lang, und inzwischen haben wir wieder viel erlebt. Freilich behauptet Therese, ich mache aus jedem Stecknadelknöpfle ein Erlebnis, aber diesmal ist es etwas Wichtiges – denn gibt es etwas Wichtigeres, als daß meine Schule nicht länger unter dem Joch unwürdiger Lehrer zu seufzen hat, sondern einem schönen, erfreulichen Aufblühen entgegensieht unter dem Einfluß des ernsten, wohlwollenden Mannes, der mir nun zur Seite steht – eines Mannes, der allein schon durch sein Wesen Respekt einzuflößen vermag.

Auch mit der noch sehr jungen Hilfslehrerin kann ich zufrieden sein, um so mehr, als ich selbst noch bildend und fördernd auf sie einwirken kann, uns also ein freundliches Band verknüpft.

O Caton, und der Professor hat ein überaus herziges, ganz prächtiges Fraule. Sie wohnen in der Herrenstraße, zunächst dem Schloß, und täglich sehe ich sie mit ihren fünf Buben am Lyzeum vorbei in den Schloßgarten ziehen. Von der zierlichsten Gestalt, wie ein junges Mädele, hört man sie lachen und schelten inmitten ihrer die Mutter eng umdrängenden Buben, von denen sie einer schon überragt.

Eines Tages trafen wir uns im Schloßgarten, der Professor war mit dabei und machte mich mit seiner Frau bekannt. Gleich beim ersten Blick nahmen wir uns an und plauderten miteinander, als kennten wir uns schon Jahre. Sie ist eine Schwäbin mit prachtvollen braunen Augen, die so viel Herzensgüte und Heiterkeit ausstrahlen, daß man schon froh wird bloß durch ihren Blick. Kurzum ein Mensch – und ein lieber, lieber –

O Caton, Du weißt nicht, aber jetzt kann ich Dir's gestehen, so manchesmal, wenn ich vom Schloß in die Gassen hinunterschritt, die breit sind und still wie ausgestorben, suchte mein Blick wohl in jedes dieser niedrigen Häuslein einzudringen mit der sehnsüchtigen Frage: Braucht denn hier niemand Wohlwollen, niemand Liebe und Mitempfinden in Freud und Leid? – O ihr geschlossenen Häuser und Seelen, klagte es in mir, euer Kinder Wohl vertraut ihr mir an, aber um mein Wohl kümmert sich auch nicht eine Seele.

Und jetzt, siehst Du, Caton, jetzt hat das Fraule allem ein Ende gemacht. Es kommt die Treppe herauf, wie 's jüngste Mädele und will alles wissen und will immer helfen und tut, als ob's gar nicht mehr sein könnt, ohne täglich im Sibyllenbau einzukehren, sein Herz auszuschütten und mich zu dem Aussprechen meiner Gedanken zu bewegen. – Mein Ölbild von Baron Ö., das über der Komode hängt, sah sie lange an. »Dieser Mann hat Sie geliebt,« sagte sie. Ich fuhr ganz erschrocken auf: »Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?« Sie lächelte: »Das ist nicht schwer. Aber wie schön, daß er's nicht merken ließ, und Sie's nicht merkten.«

Gottlob, Gottlob – ach wie versinkt das alles im Zusammensein mit den prächtigen Buben und ihrem flinken Mütterle, an dem sie mit rührender Liebe hängen.

Vor dem Vater haben sie einen gewaltigen Respekt, vielleicht gerade, weil er sich nicht viel mit ihnen abgibt, sondern die Erziehung der Söhne der Frau überläßt. Er muß Ruhe haben, denn neben seinen vielen Schulstunden arbeitet er an einem naturwissenschaftlichen Werk für die Jugend, und manchmal teilt er mir ein wenig aus seinen Arbeiten mit – immer ein Fest für mich.

So leb ich ferner nicht mehr einsam in meinem verwunschenen Schloß, dessen Geistern nachspürend, die einst in Fleisch und Blut seine Räume durchwandelt. Ade sage ich ihnen, macht dem warmen Leben Platz, den kräftigen Fußtritten junger Gesellen und dem herzlichen Lachen des liebenswürdigsten Mundes.