Rastatt, den 21. April 1845.

Es hat Dich wundergenommen, liebe Caton, daß ich Dir von Freiburg keinen Brief schrieb. Du dachtest, von da müsse einer kommen, wie noch nie einer da war. Ich habe es eigentlich auch gedacht, aber es kam anders.

Das Gefühl der Sehnsucht, das Gefühl der unbeschreiblichen Ungeduld, die Heimat wiederzusehen, wurde durch die Erfüllung nicht gesteigert. So schnell, ja, bänglich schnell uns der Zug dahintrug, es ging uns noch immer nicht schnell genug. Aber die Ängstlichkeit der Mitreisenden steckte uns doch auch ein wenig an. Sie fuhren alle, wie wir, zum ersten Male mit der Eisenbahn, und so oft der Zug mit einem plötzlichen Ruck an einer Station hielt, schrien sie laut auf und stießen mit den Köpfen gegeneinander. Zwei alte Damen waren von einem Eisenbahnunglück so überzeugt, daß sie während der ganzen Fahrt mit hochgezogenen Knien auf ihrem Sitz saßen und uns aufforderten, das gleiche zu tun, man habe ihnen gesagt, daß, wenn es ein Unglück gäbe, man wenigstens auf diese Weise seine Beine rette.

Du kannst Dir denken, wie uns war, als wir von Hermann, den wir zum ersten Male in Uniform sahen, von Baurittels und Fromherzens am Bahnhof begrüßt wurden – ach und die alte Heimatluft wieder atmeten. Wir weinten schrecklich – das war unsere erste Leistung. Der junge Mann mit den zweisternigen Epauletten, den rabenschwarzen Haaren und dem rabenschwarzen Bärtchen, dessen Augen so braunlachend in die Welt schauen, und dessen Wangen dasselbe leuchtende Rot zeigen wie das der Schwester Caton – solltest Du glauben, es brauchte eine ganze Weile, bis ich mit unserm Hermännle wieder ins alte Geleise kam?

Vieles war ja, wie wir's uns ausgemalt, Therese und ich. Sie wohnte bei Baurittels, ich bei Fromherzens, aufgehoben wie in Abrahams Schoß. Und als wir drei Geschwister am Grabe der Eltern standen – laß mich über diese Stunde schweigen. –

Ohne die Meinen suchte ich später zwei wohlbekannte Kreuze auf und wunderte mich, wie verwittert und verblaßt mich die Namen der einst so innig geliebten Freundinnen: Maria von Verleb und Amalie Kozlowska – anblickten.

Stille Wehmut ergriff mich, aber der Schmerz, der damals mein Jungmädchenherz so gewaltsam an dieser Stelle erschütterte – damit war's vorbei.

Auch vor Rottecks Grab stand ich, der Zeit seines Wirkens gedenkend, die ich erleben durfte, und die vielleicht das Beste in meinem Inneren wachgerufen. Ach, daß ich diesen feinsinnigen, edlen Volksfreund nicht mehr am Leben fand, um ihm zu sagen, wieviel Gutes er mir und so vielen andern getan – Schmach meiner Heimat, wenn sie ihm kein Andenken bewahrt. –