Sie schüttelte sich, und das war so komisch, daß ich lachen mußte.
Und als sei nichts vorgefallen, sprach sie leise, den Finger auf den Mund legend: »Ich will dir was anvertrauen – sonst hab' ich's noch keinem Menschen gesagt – ich schlag' dem Schicksal ein Schnippchen – eine alte Jungfer werd' ich nit – und wenn's unser Herrgott zehnmal will. Ich geh jetzt noch für ein halb's Jahr nach Straßburg, bild' mich völlig im Französischen aus und genieße noch ein bißle 's Lebe. Entweder ich komm' mit einem Bräutigam, oder ich geh' ins Kloster – dann hab' ich mein Auskommen und mein Ansehen und spazier' vor euch allen zur Tür herein – Etsch!«
Damit ging sie.
Ich lachte und weinte auch ein wenig vor Verdruß, als Mutter in die Küche kam. Ich erzählte ihr mein Erlebnis mit Karoline und daß ich so gar nicht begreife, wie man so bös sein könne.
»Närrle,« sagte die Mutter, »hast du das nie bemerkt – von Kind auf war sie dir neidig. Ein ärgeres Leiden gibt's aber nicht als den Neid – also bedaure sie.«
Leider habe ich an unsern Hauskindern Lorchen und Annele wenig Freude, trotzdem Lorchen partout Französisch parlieren lernen will. Der Traum ihres Lebens ist ein Offizier, und darum muß sie notwendig eine gebildete Frau werden. Daß man zum Lernen aufpassen muß, ist ihr jedoch nicht klarzumachen. Ich bekomme für die Stunde 12 Kreuzer, auch vom kleinen Mändelin. Von de Ber 24 Kreuzer. Ich kann somit so ziemlich meine Toilette und die kleinen Geschenke für Geschwister und Kamarädle bestreiten. Freilich, wenn Hermann mit seinem bescheidenen Taschengeld nicht auskommt, was meistens geschieht, muß ich ein wenig aushelfen, und dann reicht mein Verdienst nicht aus, besonders wenn es sich wie jetzt um einen Wintermantel handelt. Mein alter grüner Mantel wurde schwarz gefärbt und zu einem Kleid verarbeitet, in dem ich wie eine Äbtissin aussehen soll. An der Messe bekam ich dann einen hübschen bronzefarbenen Circasien, und ich habe in die Ecken des obern und untern Kragens von derselben Farbenplattseide einen Arabeskenschnirkel gestickt. Auch die Hutsorge wäre erledigt; ich sollte einen neuen haben, wollte aber Mutters Beutel nicht zu sehr strapazieren und für diesen Winter noch Verzicht leisten. Nun gab's einen edlen Wettstreit. Mutter wollte mir durchaus ihren schönen neuen Hut aufdringen, aber ich blieb standhaft und hatte gleich darauf Gelegenheit, dem immer gütig gegen mich verfahrenden Geschick dankbar zu sein. Schwägerin Lotte schickte Theresen aus Karlsruhe einen Hut zum Geburtstag. Sehr schön, aber meinem Farbensinn nicht entsprechend, denn dies ist mein eigensinnigster Sinn, der Therese und mir schon manch widerwärtig Stündlein verursachte. So wieder jetzt, als ich das Vermächtnis ihres eigenen, noch schönen Hutes antrat, der dunkelgrün ist, und von dem ich das braune Band weg haben wollte, was Therese gar nicht begriff. Aber ich kann steifbetteln, wie sie sagt, und so gab sie nach, und es ging ein sehr erfreuliches Exemplar aus ihren geschickten Händen hervor.
Wie immer im Herbst habe ich eben wieder mit ganz besonders schlechten Nächten zu tun. Ach, dieses Übel, so gefahrlos es auch sein mag, ist doch so beängstigend, daß ich lieber Schmerzen ertragen wollte als diese furchtbare Beklemmung, diese Hemmung des Atmens. Ich kann darauf zählen, daß, wenn ich den Abend in einem lustlosen heißen Raum zugebracht, ich das immer ganz besonders büßen muß. Darum aber lasse ich meinen Theaterplatz doch nicht im Stich. Zweimal im Monat wird mir dieses große Vergnügen zuteil, als Ausgleich für die Bälle. Ich habe neulich den berühmten Komiker Wurm gesehen und fühlte mich sehr enttäuscht, wahrscheinlich, weil seine Kunst so über alle Begriffe gepriesen wurde. Er spielte im »Juden« den Juden Schewa, eine sich mehr dem Tragischen als Komischen nähernde Rolle. Vielleicht war ich auch schon deshalb enttäuscht, weil ich ihn lieber in einer komischen Rolle gesehen hätte.
Eben gastiert eine bis in die Wolken erhobene Sängerin, genannt Madame Kainz, die deutsche Catalani. Leider nur bei aufgehobenem Abonnement, also muß ich mich mit dem Hörensagen begnügen.