10. 10. Die Eltern sind mit Therese und Lorchen auf dem Kasinoball. Ich durchwache meistens die Ballnacht, schreibe, lese und treibe, was ich mag. Heute ist Annele bei mir geblieben. Wenn ihr auch die französischen Regeln recht schwer in den Kopf gehen, um so klüger, d. h. alles verstehender ist ihr Herz. Oft, wenn ich bei der Zimmerarbeit ein wenig mutlos den Kopf hängen lasse, wer erscheint mit dem Abwischtuch in der Hand unter der Tür und schäffelt mit mir darauf los, daß schon nach einer Stunde die ganze Bergesarbeit überwunden ist?

So blieb sie auch heute abend bei mir, und es war eine meiner vergnügtesten Ballnächte. Haben wir doch wie die Kinder, den Großen gleich, auch getanzt, soupiert, einfältig vornehm geplaudert, wieder getanzt in Gestalt eines überaus zierlichen Menuetts und noch einmal colaziert, eine süße Speise, namens Charlotte, ein Überbleibsel vom gestrigen Mittagsmahl, bei dem wir Hofrat Amann und Professor Bouger zu Gast hatten. Mit dieser Charlotte aßen wir Schmollis miteinander, denn bisher hieß nur ich sie du. Dann sangen wir noch eine Stunde mit Begleitung der Gitarre ein komisches Quodlibet, Annele wurde zu Bett geschickt, und ich warte auf die Meinen, indem ich lese und diese Abhandlung schreibe.


24. 3. Man lacht nicht selten in der Familie über meinen Zeitgeiz, aber was soll aus meinen Lieblingsbeschäftigungen werden, zum Beispiel dem Zeichnen, wenn ich nicht alle Hebel in Bewegung setze, um mir eine Stunde im Tag dafür zu erübrigen. Ich bin darauf angewiesen, mich jetzt allein weiterzubilden. Ach, und ich kann noch so wenig, und es wäre meines Herzens höchste Wonne gewesen, mich weiterbilden zu dürfen, wie Amalie von Berg es darf, diese Glückliche! So ist die kleine Zeichnung von unsrer geliebten Caton im großen Florentiner Schlapphut, der ihr immer so gut stand, eben doch nicht so ausgefallen, wie ich mir vorstelle, daß es sein könnte. Trotzdem sind die Eltern, denen ich das Bildchen zum Namenstag dargebracht (wir feiern beider Namensfest zugleich) – sehr glücklich darüber, und auch der Rahmen, den ich selbst aus Holz verfertigt und bemalt, erregte großen Beifall.

Oh, geliebteste Caton, wie oft und schmerzlich vermisse ich dich!

Unzulängliche Mitteilung der Briefe – sagen viele. Oh, mir genügte sie, könnte ich nur Gebrauch machen von dem Gebotenen. Aber wie könnte man bei uns, ohne auffallendes Vorenthalten, einen Brief einschließen, der nicht zuvor bei der Familie, wenn eben nicht die Zensur, doch sehr die Kritik passiert.

Wenn du wüßtest, wie wir oft im Winter in der warmen trauten Stube allesamt meinen, jetzt müßte unser heiteres, singendes Catonle plötzlich bei uns eintreten. Und erst jetzt im Frühling, in der knospenden, herrlichen Natur! Wie würdest du dich freuen über den Verschönerungsgeist, der plötzlich in Freiburg erwacht ist und sich über die ganze Umgebung erstreckt und schöne Spaziergänge dem Genuß bietet. Der neueste führt auf ganz geebneten, nur sachte hinansteigenden Pfaden über den Schloß-, Hirsch- und Johannisberg durchs Immental bei Herdern herunter, wo es im Gasthaus zum Schwanen nun beinahe so lebhaft zugeht wie in Günterstal. Am schönsten aber sind meine einsamen Spaziergänge des Morgens um sechs – mit Lenchen oder Hermann. Bei einem solchen Spaziergang hat mir das arme Brüderle unter Tränen mitgeteilt, daß er nun endgültig seine Sehnsucht, Offizier zu werden, zu Grabe tragen müsse. Vater habe ihm ein für allemal erklärt, ein Sohn aus seinem Hause dürfe niemals unter die Müßiggänger gehen. Ich tröstete mein liebes Brüderle so gut ich konnte. Ich sagte ihm, daß auch ich auf manches verzichten müsse, und nun erst die Eltern, die um ihrer Kinder willen sich unablässig sorgten und mühten, ohne sich die geringste Annehmlichkeit zu gönnen.

Als Hermann meinte, Xaver habe es doch so flott getrieben, gab ich ihm einen kleinen Puffer mit der Bemerkung:

»Du weißt recht gut, daß unser herrlicher Bruder sich alles selbst verdient hat durch Stundengeben.«