Sie sah mich scharf an.

»Nun, es war wegen Schmidt«, gestand ich und erzählte ihr Karolinens Äußerung, daß meine Augen deutlich verrieten, was ich für Professor Schmidt empfinde.

»Also du empfindest für ihn, Nannele,« rief Maria aus, »eine unglückliche Liebe?«

Ich mußte lächeln.

»Unglücklich, nein, aber seine Begeisterung auf der Kanzel, seine Schlichtheit und seine Demut – was weiß ich, ich muß ihn lieber haben als Monz, der mir doch so viel gibt. Auf das Liebhaben verzichten, das kann man nicht, aber damit fertig werden, das kann man.«

»Oh, Nannele, glaub' nicht, daß du das kannst!« rief Maria aus.

»Man muß es können,« sagte ich, »wenn man ein Leiden hat. Das ist doch nur selbstverständlich.«

»Ich habe es nicht können«, sprach Maria in leisem Tone und barg das Gesicht in beiden Händen. –

Mir lagen jetzt, wie schon oft bei solchen Anspielungen, dringliche Fragen auf den Lippen – was ihr fehle, woran sie leide. Aber ich beeilte mich, Maria zu versichern, daß mein Edelmut nicht sonderlich bewundernswert sei, da mich ja keiner wolle. – »Doch,« sagte sie, gleich wieder heiter, »Monz will dich, er erzieht dich, er erzieht dich jetzt schon zu seiner Gattin. Das macht er so, wenn ihm ein Mädchen gefällt, du kannst es mir glauben.« – »So lang er mir schöne Bücher leiht, hab' ich nichts dagegen«, meinte ich lachend. – Und sie drohte mit dem Finger: »Nannele, Nannele, bist du deiner wirklich so sicher?« – »Ich wär's vielleicht nicht,« gab ich zu, »wenn Monz Schmidt wäre.« – Herr von Verleb kam, und man ging zu Tisch. Es ist gar schön gedeckt; in einer kristallenen Vase stehen Blumen, eine feine Jungfer serviert. Herr von Verleb zeigte eine rührende Sorgfalt für seine Frau, legte ihr vor, bat sie inständig zu essen, und erst als sie zu seiner Zufriedenheit tat, was er wünschte, wandte er sich an mich, indem er über einen Aufsatz Rottecks in der »Freisinnigen« loszog. Nach seiner Ansicht habe ein Abgeordneter der Ersten Kammer überhaupt keine freisinnige Zeitung herauszugeben. Rottecks beständiger Eifer gegen ein stehendes Heer sei ebenso unstatthaft als sein geradezu rücksichtsloses Eintreten für die Universität, indem er seine Anforderungen für diese von Jahr zu Jahr steigere. – »Aber«, fiel ich ihm wohl allzu lebhaft ins Wort, »verdankt die Universität nicht hauptsächlich ihre Erhaltung den kräftigen Vorstellungen Rottecks, und haben wir ihm dafür nicht im höchsten Grade dankbar zu sein – denn was wäre Freiburg ohne seine Universität? Gibt es für die Menschen überhaupt etwas Wichtigeres als Universitäten?« setzte ich fragend hinzu. – »Ja, wenn man den ewigen Frieden verbrieft hätte«, sagte Herr von Verleb. – In diesem Augenblick trat die Jungfer ein und berichtete, Herr Professor Monz lasse anfragen, ob er nach dem Nachtessen für ein Stündchen willkommen sei. – Maria wendete lebhaft den Kopf zurück: »Eine Empfehlung an den Herrn Professor, und ich bedauere sehr, ihn nicht herbitten zu können, ich sei zu leidend heute abend.«

»Nicht böse sein«, wandte sie sich an ihren Mann. »Denke dir, Anna, neulich, als mir seine Gelehrsamkeit derart auf die Nerven ging, daß mir fast übel wurde, bat ich ihn: ›Darf ich ein wenig Musik machen, Herr Professor, zum Kalmieren?‹ Er sagte: ›Sehr angenehm.‹ Und ich setzte mich ans Klavier. Glaubst du, er hätte geschwiegen? Im Gegenteil, er schrie immer lauter, je stärker ich spielte.«