Die abscheuliche Resignation, die mich zuweilen überkommt, ist noch das Schlimmste von allem. Erzähle mir von Deinen Kindern, Caton, von ihren Fortschritten in der Schule, und sage mir, ob es Dir gelingt, sie in der alten, schlichten und wahrhaften Art unseres Elternhauses zu erziehen. Gott helfe Euch!
Deine Anna.
Halt – noch eins. Es wird Dich interessieren, Monz ist seit einem Jahr in Rom. Seine Frau ist eine Karlsruherin. Lotte kennt sie gut.
St., den 3. März 38.
Liebe Caton!
Eigentlich sollte ich Dir zürnen, daß Du Vater mit dem Inhalt meines letzten Briefes bekannt gemacht. Nun seid ihr alle so gut und freundlich, d. h. weniger streng verständlich als wohltuend herzlich, indem ihr wünscht und mir ratet, daß ich das Glück des Daheimlebens nicht um so geringen Preis dahingeben soll, ja, mich dessen solang' als möglich nicht begeben solle. Wie schön und angenehm für mich, wenn ich diesem Wunsche nachkommen könnte. Wenn dann aber einmal die Notwendigkeit zu verdienen an mich herantritt, könnte alsdann das verblichene Wissen so bald aufgefrischt werden, und wo fände ich gleich den Jemand, der mir, wie man sagt, etwas Passendes auf dem Präsentierteller brächte?
Zudem, liebe Caton, irrst Du Dich sehr, wenn Du glaubst, daß Vaters Pension von 800 Fl. für eine kleine Familie ein gemächliches Auskommen sei, und daß ja früher die selige Mutter und Du und wir alle im elterlichen Hause nichts von Mangel gespürt. Du hast doch wohl die Plagen und Opfer unserer guten Eltern nicht vergessen, um mit dem mühsam gewonnenen Miet- und Kostgeld dem Haushalt aufzuhelfen? Zudem war damals gegen jetzt noch eine wohlfeile Zeit. Hauszins, Holz- und Mundvorräte haben sich um die Hälfte verteuert. Urteile, ob es bei den obwaltenden Umständen nicht vernünftig von mir ist, durch meine Entfernung dem guten Vater nicht nur ein wenig sparen zu helfen, sondern mir selbst womöglich einen Sparpfennig zu erübrigen für die Tage, da man nicht mehr wirken kann.
Nicht minder sorgenvoll sehe ich Theresens Zukunft entgegen.
Therese hätte das schöne Los zuteil werden können, die Gattin des gediegenen, älteren Mannes zu werden, den wir als lieben Gast so oft in unserm Haus gesehen und geschätzt haben. Was aber soll aus Vater werden, kränklich und hilfsbedürftig, wie er jetzt ist? Unsere Therese hat keinen Augenblick geschwankt, wo ihr Platz ist. Wenn aber einmal ein trauriges Verhängnis sie aus diesem kindlichen Pflichtenkreis herausreißen sollte, dann muß ich imstande sein können, ihr eine Heimat zu bieten, ihr, die mehr als wir alle an unsern Eltern getan.