Gutmütig, aber höchst unvernünftig ist Dein zweiter Vorschlag, ich möchte, wenn nicht zum Vater, so doch zu Dir kommen. Ach, Caton, Du bist und bleibst halt unser unpraktisches Catonele, das man liebt und über das man liebevoll lächelt. Du wirst mich eine Stolze schelten, wenn ich Dir sage, daß ich kein Tantenleben, sondern mein eigenes, selbständiges und arbeitsreiches Leben zu führen im Sinne habe. Und darum vorwärts! –

Es sind mir inzwischen nicht weniger als drei Stellen angeboten worden durch vermittelnde Bekannte in Freiburg. Ich habe mich für Baron Ö… in J…heim entschlossen, des Landlebens wegen. Ein Töchterchen und zwei noch kleine Knaben. Eine Schule gibt es nicht, so ist das Unterrichten ganz mir anheimgegeben, was mir sehr lieb ist. Das Gehalt ist das größte, das ich bisher bekommen; mein Zimmer soll nichts zu wünschen übriglassen. Auf Schattenseiten bin ich gründlich gefaßt; schlimmer als hier kann ich es ja wohl kaum wo anders treffen. Ging doch meine halbe Gesundheit in dieser Unordnung und beständigen Hetzerei zugrunde. Da die Gnädige von meiner Kündigung durchaus nichts wissen wollte, sondern mich einfach auslachte (wart', ich will dir zeigen, daß du mit mir nicht auch machen kannst, was du willst), habe ich eine Stunde ihrer Abwesenheit benutzt, um den Herrn in seinem Zimmer aufzusuchen.

Er nickte: »Begreife, daß man nicht auf einem lecken Schiff bleiben mag«, meinte er, nachdem ich mein Anliegen vorgebracht.

Ich legte ihm sodann meine Liste vor, mit dem Verzeichnis meines Soll und Haben.

Er wurde dunkelrot: »Das hätten Sie mir längst sagen sollen.«

Er tat mir leid, ich sagte schnell: »Wollen Sie, bitte, mit der gnädigen Frau sprechen. Ich habe mich bereits engagiert und muß den ersten April an meinem Bestimmungsort eintreffen. Drei Reisetage sind erforderlich.«

»Natürlich«, sagte er, sich verneigend.

Ich bin nun, nachdem ich mein Gehalt in den Händen habe, in der Lage, meiner Toilette etwas aufhelfen zu können, denn da ich auf mein Gehalt gerechnet, hatte ich nur das Nötigste von zu Hause mitgenommen. O Caton, das allerschwierigste auf der Welt ist doch, Menschen dienen zu müssen, vor denen man keinen Funken Respekt haben kann. Ich weiß ja, ich habe es ja nun erfahren, daß nicht alle Eltern wie die unsrigen sind. Damit muß man rechnen und nicht, wie ich's im Anfang meiner Gouvernantenlaufbahn tat, von allen Menschen verlangen, daß ihr Denken und Handeln so sei, wie wir's von zu Hause gewohnt sind. Ich muß jetzt lachen, daß ich einmal solches wähnte. Es wär' ja auch gar nicht in der Ordnung, da Mannigfaltigkeit in der Welt sein muß. Es gehört halt nur viel Weisheit dazu, um sich das klarzumachen, statt zu verzweifeln.


Nun haben wir schon den 26., und der arme Mann hat noch immer nicht den Mut gefunden, mit seiner Frau über mein Fortgehen zu sprechen. Ich habe ihn heute gemahnt. Er nickte wieder: »Natürlich.« –