Meine liebe Schwester!
Eure herzliche Teilnahme an meinem Geschicke hat mich innig gerührt: ich wußte es wohl, daß mir solche, mit dem besten Rat verbunden, von Euch werden würde, weshalb ich mich ja auch so offen gegen Euch abgesprochen. Aber nun, Gott sei Dank, kann ich diesmal bei weitem Angenehmeres berichten als bisher. Ja, wahrhaftig, ich atme, ich lebe auf, denn ich hätte mir eine erfreulichere Herrschaft kaum auszudenken vermocht. Der Baron, schön, heiter, ist geradezu mit Talenten gesegnet. Er hat eine prachtvolle Stimme, und seinem Gesang und seinem Klavierspiel zu lauschen, ist ein großer Genuß. Es ist auch ein Genuß, ihn auf dem Pferde sitzen zu sehen. Der eleganteste Reiter, aber sein Aussehen kümmert ihn nicht im geringsten. Er trägt einen dunkelgrünen Jagdkittel, Kniehosen, graue Strümpfe, auf dem Kopf eine zerknitterte Mütze mit einem verschossenen, grünen Band. Eine Anzahl Jagdhunde begleiten ihn, wo er steht und geht. Er regiert sie mit einem Blick. Im Park macht er sich an den Bäumen zu schaffen, die ihm so lieb sind wie seine Hunde. Zuweilen auch galoppieren zwei, drei Pferde ohne Sattelzeug um ihn herum, und man hört ihn mit ihnen sprechen wie mit einem Menschen.
Im großen Saal, dessen Laden gewöhnlich geschlossen sind, und dessen gelbdamastene Kanapees und Lehnstühle unter weißen Houssen stecken, hängen die von der Hand des Barons gemalten Familienbilder. Ich weiß natürlich nicht, wie ein Künstler von Beruf diese Porträts beurteilen würde; ich für meine Person finde sie erstaunlich und bei weitem hervorragender als die der Amalie von Berg. Wie er den Ausdruck, den Charakter trifft, bewundere ich am meisten. Geradezu ein Meisterstück ist das Bild seiner Tochter, meines Zöglings.
Ach, Caton, dieses Kind; wenn ich aufwache, wenn ich zu Bett gehe, immer liegt es mir wie ein Alp auf der Seele: Werde ich mit diesem unberechenbaren Geschöpf fertig werden oder nicht?
Sie ist jetzt zwölf Jahre alt. Als der Baron sie malte, war sie zehn. Elferl nennt er sie, und mit Recht; schlank wie ein Gertlein, den Kopf voll brauner Locken, große, dunkle, leidenschaftliche Augen, der Mund trotzig. Wie eine kleine Elfe steht sie da, schon halb auf der Flucht ins Waldesdickicht, das den Hintergrund des Gemäldes bildet.
Das Bild der Baronin ist konventionell. Auf dem schweren, weißseidenen Kleid spielen helle und dunkle Lichter. Der Hals des schmalen, fast zu ernsten Gesichtes ist von einer feinen Spitzenkrause umschlossen. In schweren Flechten liegt das dunkle, leicht gekrauste Haar um ihren Kopf. Diese Frisur trägt sie immer. Sonst, wenn ich des Morgens meine Promenade mache, sehe ich die Baronin im kurzen Rock und hohen Reitstiefeln, auf dem Kopf ein Hutexemplar, nicht schöner als das des Gatten, und gleich ihm von einer Anzahl laut bellender Hunde gefolgt, das Haus verlassen. Einmal habe ich um Erlaubnis gebeten, sie begleiten zu dürfen. Etwas abseits, rechts vom Schlosse, liegen die Ökonomiegebäude. Langgestreckte Ställe in einem großen Hof, Wohnungen der Dienstleute, Obstgärten und Wiesen rings umher. Der Verwalter erwartet die Baronin am Parktor. Gleich dahinter ist das Forsthaus. Im ebenerdigen Raum, dessen Wände unzählige Hirschgeweihe zieren, nimmt die Baronin die Berichte ihrer Untergebenen entgegen. Sachlich, kurz, fast streng klingt ihre Rede. Die Leute stehen im tiefen Respekt vor ihr. Gleich unterbricht sie, wenn deren Rede auch nur einen Schein von Unklarheit enthält. Große Rechenbücher liegen auf dem Tisch. Weiber, die Klage zu führen haben, werden vorgelassen. Die Baronin geht in die Häuser der Klagenden. Wehe diesen, wenn die Reinlichkeit zu wünschen übrig läßt, die Kinder schlecht gehalten sind. Ich war schon dabei, wenn neue Leute engagiert worden sind, Männer und Frauen; Fragen und Befehle der Baronin sind haarscharf, jeder weiß sofort, was er zu tun und zu unterlassen, wem er zu gehorchen hat. Der Baron ist bei solchen Anlässen nie gegenwärtig. Er malt, er reitet, befindet sich in seinem Park, in seinem Jagdrevier. Sie tut die Arbeit. Und was so wunderschön ist, keines beugt sich vor dem andern, ganz klar und wahr geben sie sich, verstehen sich und lächeln übereinander.
»Mama,« kann er zu ihr sagen, wenn sie von ihrem Morgengang zurückkommt, »du bist wohl wieder bei jeder Kuh im Stall gewesen, so sehen deine Stiefel aus.«
Und sie nickt und sagt: »Ja, Rudi, bei jeder Kuh.«
Auch ich genieße eine Freiheit, wie ich sie bisher nie gekannt. Komme ich von meinem Morgenspaziergang nach Hause, finde ich Punkt acht Uhr das Frühstück auf meinem Zimmer, das groß ist und luftig, und in dem ausrangierte, aber prachtvolle, uralte Möbel stehen, Lehnstühle, in denen man förmlich ertrinkt, ein Schreibtisch, an den sich drei Menschen nebeneinandersetzen könnten, und der so viele Fächer und Schubladen hat, daß ich sie noch gar nicht gezählt habe. Ich bewohne eine Giebelstube, von der aus ich das ganze Anwesen so ziemlich übersehe: Im Schloßhof den Springbrunnen, die Hundezwinger und dahinter den prächtigen, wohlgepflegten Park. Durch eine Gittertür geht's in den Wald, der mächtig ansteigt; links davon kann ich das Dorf sehen. Mein Weg führt mich oft durchs Dorf, dessen Kirchlein inmitten des Friedhofes ein Turmdach hat wie eine Zwiebel. Das Pfarrhaus daneben, zweistöckig, ragt hoch über die niedrigen Bauernhäuschen. In dem unteren Stockwerk wohnen Schullehrers. Der Pfarrer mit der »Tant'« bewohnt das obere Stockwerk.
Die Lehrersfrau kommt immer schnell aus dem Haus gelaufen, wenn sie mich sieht, an den Füßen Holzschuhe, den Putzlumpen hält sie hinten am Rücken.