Es wird von der Predigt gesprochen, die man am Morgen gehört, und die die Schloßherrschaft ungemein befriedigt hat. Auch der Lehrer bekommt sein Kompliment für Orgelspiel und Kindergesang während der heiligen Messe. Das Wohl und Weh der Dorfleute wird in Betracht gezogen, wo's dem einen fehlt, was dem andern nützlich wäre, die Gesundheit des kleinsten Kindes ist wichtig. Gleich sagt der Baron: »Ich hol' den Doktor.« Sie sind mir dann so lieb, denn ist es nicht ihr höchstes Bestreben, die Menschen, die von ihnen abhängen, glücklich zu machen?

Freilich, was sonst in der Welt vorgeht, davon ist nicht viel die Rede. Auch mit den Standesgenossen, die im Schloß verkehren, dreht sich die Unterhaltung meist um Alltägliches; zuweilen auch wird die Politik berührt, aber nur vorübergehend. Was ein gutes, herrliches Buch für die Welt bedeutet, davon scheint hier niemand eine Ahnung zu haben. Wenn ich gefragt würde, für was ich mich interessiere, was ich schon erlebt, ich könnte es ihnen gar nicht sagen; denn mein Denken und Erleben und was ich an Begeisterung empfunden, kommt mir fast selbst überschwenglich vor in diesem eng umschlossenen, selbstsicheren Kreis.

Ach, einmal wieder unter meinesgleichen ich selbst sein dürfen – Caton, Caton, ob ich's erlebe? –

Und doch, wie anders lerne ich die Menschen kennen durch dieses intime Zusammenleben, als wenn ich nur von ihnen hörte. Wirklich, man sollte nicht so leichthin aburteilen, wenn es sich um Menschen andrer Kreise handelt. Wir wissen gar nichts, wenn wir nicht unter ihnen gelebt haben.


Wenn ich nur ein wenig mehr Freude an meinen Zöglingen haben könnte! Clothilde haßt jeden Zwang und will immer fertig sein. Hannerl ist nicht vom Fleck zu bringen, ehe sie nicht eine Sache kapiert hat. So muß ich immer nur vermitteln zwischen diesem so ganz und gar ungleichmäßigen Gespann.

Noch schlimmer ist's, wenn ich Clothilde allein habe. Ihre schönen, leuchtenden Augen werden, sobald die Rechenstunde beginnt, zu dunkel blitzenden Unsternen. Sie hört nicht, begreift nicht, will nicht begreifen.

Um meine Autorität als Lehrerin nicht zu verlieren, halte ich an mich mit aller mir zu Gebote stehenden Macht, mit Sanftmut meine Lektion immer wieder von neuem wiederholend. Umsonst. Meine Versuche, an Clothildens Pflichtgefühl zu appellieren, scheitern ebenfalls. Es ist ein unglückseliger Zufall, daß, wenn Clothildens Mutter in den Lehrstunden erscheint, jene oft gerade ihren starrköpfigen Paroxismus hat. Dann fällt der Hauptfehler auf die Gouvernante, die keine Autorität zu behaupten, keinen Gehorsam einzuprägen weiß. Das Kind wird durch eine sinnliche Entbehrung gestraft, die Gouvernante aber hat die moralische Folter zu bestehen, ihrer Aufgabe nicht zu genügen.

Es war gerade nach einem solchen Vorfall eine Landpartie projektiert, wozu mich die Baronin einladen ließ.

Nach dem, was geschehen, hatte ich nicht die geringste Lust, daran teilzunehmen, und ließ danken. Auch sollte die Baronin wissen, daß ich nicht gleichgültig gegen ihren Tadel bin, daß ich zwar wie ein Stein schweigen könne, aber nicht selber einer sei.