Jetzt verlor Gustav die Geduld. Er schnellte auf und schrie seinen Gast an:
»Strengere Maßnahmen! Wer gibt euch ein Recht auf mein Gehirn und dessen Erzeugnisse? Ich habe mich mit der Sache befaßt, weil sie mich interessierte, aber nicht, um an unzähligen Unschuldigen zum Mörder zu werden. Zupfen Sie mich nicht am Rock, Herr Professor Westwald, ich weiß genau, was ich tue, und ich erkläre Ihnen hiermit, Exzellenz, Sie werden die Formel nicht bekommen!«
Auch der Unterstaatssekretär hatte sich erhoben, blaß vor Zorn starrte er auf Gustav. »Sie werden die Regierung zu Schritten zwingen, Herr Doktor, die Ihnen äußerst unangenehm sein dürften.«
»Ich pfeife auf eure verdammte Regierung!« Außer sich vor Wut, riß Gustav die Schreibtischlade auf, zog einen beschriebenen Zettel heraus und zerriß ihn, bevor ihn die beiden daran hindern konnten, in kleine Stücke. »So, Exzellenz, jetzt lassen Sie eine Haussuchung vornehmen, das war die Formel!« Er lachte grimmig auf: »Aber da drin in meinem Kopf steht sie noch immer geschrieben, und ich werde sie vielleicht einmal anderweitig verwenden können.«
Der Unterstaatssekretär wandte sich an den Professor. »Haben Sie die letzten Worte des Herrn Doktor genau gehört; könnten Sie sie im Notfall unter Eid bestätigen?«
Professor Westwald nickte: »Jawohl, Exzellenz.«
Ohne ein weiteres Wort schickten sich die beiden Herren zum Gehen an. Gustav begleitete sie mit ausgesuchter Höflichkeit bis zur Tür. »Es war mir eine große Ehre, Exzellenz.«
Allein geblieben lachte er auf: »Was ist denn eigentlich in mich gefahren? Gott weiß, was ich mir da eingebrockt habe! Und weshalb war ich so wütend? Aus revolutionärer Gesinnung oder – über die Vergewaltigung der Wissenschaft?«
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten hatten den Schlaf verloren, und auch das Essen wollte ihnen nicht mehr recht schmecken, geheime, uneingestandene Angst versalzte ihnen die Speisen, gab teueren Weinen den herben Geschmack des geringsten Krätzers, verlieh den weichsten Betten unbehagliche Härte. Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten fühlten sich nicht wohl. Welch ein Unglück! Draußen sterben unsere tapferen Feldgrauen für uns, für unser Behagen, für unseren Reichtum, und wir in der Heimat werden von Ängsten geschüttelt, können das Leben, das uns andere so teuer erkaufen, nicht recht genießen, welch ein Unglück! Da gilt es Abhilfe schaffen! Aus dem Angstschweiß verstunkener Bürgerseelen, aus der prickelnden Unruhe des Junkers wurde der weiße Terror geboren. Unser einstiger lieber Vetter, der Zar, hat uns gezeigt, wie die Sache gehandhabt werden muß. Schade, daß nicht auch wir ein Sibirien haben, doch gibt es Gott sei Dank Gefängnisse genug im Deutschen Reich, auch die Schutzhaft ist keine üble Einrichtung.