Am Abend des 28. Juni schmeckte den Herren das Essen viel besser: Karl Liebknecht war in erster Instanz zu zwei Jahren, sechs Monaten und drei Tagen Zuchthaus verurteilt worden. »Ein Hetzer weniger,« meinten sie in den Klubs, »mit den paar Übrigen wird man auch noch fertig werden. Die anderen Sozialdemokraten halten sich wacker, sind unsere besten Bundesgenossen. Solange die zu uns stehen, halten wir das Volk in der Hand.« Und sie stießen an, auf das Wohl des vernünftigen Kriegsgerichtes – etwas strenger hätte das Urteil sein können –, auf unsere Feldherrn und unsere braven Freunde, die Sozialdemokraten.
Dennoch waren sie nicht ganz beruhigt; es gab noch andere Elemente, die hetzten und schürten; auch die muß man unschädlich machen. Im Juli wurde Rosa Luxemburg zum zweitenmal ins Gefängnis geworfen, im August ereilte Franz Mehring das gleiche Schicksal. »Der alte Mann war besonders gefährlich,« bemerkten die Herren untereinander, »seine siebzig Jahre machten Eindruck auf die sentimentale Masse. Es ist zu hoffen, daß er bei so hohem Alter das Gefängnisleben nicht lange ertragen wird.« Und nun genossen sie wieder eine ungestörte Nachtruhe.
Auch Unbekannte, die sich in nichts hervorgetan hatten wurden dem guten Schlaf und dem Appetit der Herren geopfert; unter ihnen befand sich Gustav Selder. Seine unvorsichtigen Worte: »er werde vielleicht seine Formel anderweitig verwenden können«, wurde gegen ihn ausgenützt; er wurde in Schutzhaft genommen. Er fand sich mit dem gewohnten Gleichmut darein, warf den ihn abführenden Polizisten etliche griechische und lateinische Zitate an den Kopf, die diese für ganz besondere Injurien hielten und bedankte sich feierlich für die ihm gebotene Ruhe und Abgeschlossenheit, die seinem Studium von großem Nutzen sein würde. –
Endlos schlichen die Tage dahin. Der Fluch des Deuteronoms schien über der Welt zu lasten: »Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es Abend wäre! Des Abends wirst du sagen: Ach, daß es Morgen wäre! Unsägliches Warten spannte alle Nerven, warten, warten, von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag. Warten auf die Erlösung, die nicht zu kommen scheint und doch kommen muß. Hunger und Not fraßen an den Menschen mit scharfen, nagenden Zähnen, stumpfer, hoffnungsloser Grimm vergiftete die Seelen, lähmte die Kräfte. Mißtrauen durchtränkte das Volk, Mißtrauen gegen die Herren, aber auch Mißtrauen gegen die anderen, die mutig und unentwegt an seiner Aufklärung arbeiteten. »Ihr redet nur, warum tut Ihr nichts? Ihr seid genau wie die anderen,« sagte eine alte Frau, deren zweiter Sohn gefallen war, zu Gioia, und diese wußte keine Antwort. Sie selbst trieb die Freunde zur Tat, geriet in Verzweiflung, wenn deren Vorsicht ihr klar machte: noch ist es zu früh, wir sind zu schwach. Boris Isralew tröstete sie: »Die Befreiung muß kommen, Gioia, doch wird sie nicht von einem Land ausgehen, das in vielen satten Jahren hart geworden und zu Stein erstarrt ist. Sie wird von jenem Lande kommen, wo Schmerz und Elend seit Jahrhunderten das Feuer in Brand erhalten, die Flamme geschürt haben. Nur ein gekreuzigtes Volk vermag der Messias der Völker zu sein.«
Die alte Frau von Reuter schien von den Freunden die am härtesten Betroffene zu sein; jetzt, da das ungeheuerliche Verbrechen der Blockade Kinder und Frauen mordete, erinnerte sie sich mit Entsetzen, daß sie dem Lande angehörte, das diese Schuld auf sich genommen hatte. »Ich schäme mich, den Menschen in die Augen zu sehen,« sagte sie zu Lene, und Tränen flossen über ihr feines, altes Gesicht. »Wir alle tragen Schuld am Kriege, mich aber drückt noch die Schuld und Schande meines Landes.« Sie gönnte sich keine Ruhe, die müden alten Füße stiegen unzählige Treppen hinauf, um Nahrung und Kleidung in elende Dachkammern zu tragen. Es war bald bei den Freunden ein beliebter Scherz geworden, sie bei jedem Besuch zu fragen: »Was haben Sie heute verkauft?« Dann errötete die alte Frau wie ein junges Mädchen: »Nichts, gar nichts.« Und Lene fragte: »Wo ist denn Dein Diamantring?« »Am Finger irgendeiner fetten Schiebersgattin,« brummte Boris Isralew von der Chaiselongue her. »Eine alte Frau braucht keine Ringe,« bemerkte Frau von Reuter lächelnd, »aber kleine Kinder brauchen Milch.« Der schön eingerichtete Salon wurde kahl und dürftig. Ein wertvolles Möbelstück nach dem anderen wanderte zum Antiquar. Als die Teuerung immer größer wurde, überraschte die alte Dame die Freunde mit der Nachricht, daß sie ihre Wohnung aufgegeben habe und mit Boris Isralew zwei kleine Stuben in einem ärmlichen Viertel beziehen werde. »Fast alle meine kleinen Kinder leben dort,« bemerkte sie entschuldigend, »ich brauche dann nicht mehr so weit zu laufen.«
»Sie richtet sich zugrunde,« meinte Lene besorgt zu Boris.
»Nein, laßt sie nur; sie könnte das Elend nicht ertragen, wenn sie sich nicht selbst gäbe. Sie ist noch aus der alten Schule, die an private Wohltätigkeit glaubt, die liebe Alte. Übrigens kein schlechtes Produkt der alten Schule.«
Warten, warten, warten! An den Fronten verbluten sie zu Millionen; Krüppel kehren heim, Blinde, Kranke; Kinder verhungern, ein einziger Jammersaal eines ungeheueren Spitals ist das ganze Land. Kommt denn keine Erlösung? Verzweiflung schreit zum ehernen Himmel auf, Verzweiflung winselt in Spelunken und elenden Kammern. Der Himmel ist taub und taub sind auch die Menschen, die dem Unheil Halt gebieten könnten. Bleierne Tage schleppen sich in den Herbst, schleppen sich in den Winter. Endlos ist dieser Winter, es wird nie Frühling werden. Früher, vor dem Krieg, da gab es einen Frühling, das Eis schmolz, selig erneutes Leben sproß auf. Das war einmal; es klingt wie im Kindermärchen oder verbirgt dieser Satz noch einen anderen Sinn?
Warten, warten, warten!
Der Märzwind, der ungestüm mit junger Kraft dem Winter an den Leib rückt, bringt die Kunde. Worte peitscht er durch die stickige schwarze Wolkenluft, daß sich die Nebel teilen und blauender Himmel sichtbar wird. Zauberworte. »Rußland! Revolution! Der Zar ist gestürzt! Die Sozialisten am Ruder! Friede!« und immer wieder: »Rußland! Rußland!« Der Völkerheiland erstand aus seinem Grab, das Heil kommt!