Fremde sprechen einander auf der Straße an: »Haben Sie's gelesen? Ist es wahr?« Osterahnen geht durch die Welt, die Zeitungen, die Kunde aus dem Osten bringen, werden gelesen wie das Evangelium. Gebeugte Leiber straffen sich, in verängstete Seelen strömt neuer Mut. »Die haben's gekonnt, warum nicht auch wir?« Lippen, die das Wort »Feind« versehrt hat, leuchten rot und geheilt, sie sagen: »Unsere Brüder.«
Die Herren reiben sich die Hände: »Revolution in Rußland! Das ist recht! Jetzt wird man fertig werden mit der Bande!«
Boris Isralew schüttelt den Kopf, als er die Namen der Führer liest. »Jubelt nicht zu früh; das ist bloß die erste Stufe. Bourgeoisrevolution. Aber sie macht den Weg frei für die andere, die wahre. Es ist noch nicht der Tag, bloß der erste helle Schein im Osten. Aber der Tag wird kommen!« – –
Der Tag kam und brachte für Deutschland schwärzeste Nacht; eine Nacht, aus der sich in Flammenzeichen zwei Worte abheben, ein ewiges Brandmal der Schande: Brest-Litowsk!
Die Herren, die Kapitalisten haben gesiegt: deutsche Soldaten dringen vor in einem entwaffneten Land, und Deutschlands Ehre liegt im Kot, wird von Deutschen auf Rußlands Straßen zertreten. Aber diese Schande peitscht viele auf, die, stumpf vor Elend und Not, sich in alles gefügt haben.
»Sie haben unsere Leiber verkauft,« ruft Kerner, bebend vor Wut, in einer geheimen Versammlung, »und wir haben es geduldet. Waren von jeher gewohnt, daß unsere Leiber und Leben den Kapitalisten gehören. Jetzt aber wollen sie unsere Seelen verkaufen, und das dulden wir nicht! Die sind noch unser, die kann uns kein Kaiser und kein Feldherr rauben. Unsere Brüder im Osten sollen sich nicht vergeblich an uns gewandt haben.« Doch noch sind die Herren zu mächtig, das Volk ist zu schwach; seine Stimme wird übertönt. Eines jedoch ist gewonnen, der deutsche Arbeiter hat die geblendeten Augen geöffnet; er erkennt allmählich den wahren Feind, den ihm schurkische Führer als Freund dargestellt haben; er erkennt auch die Brüder. Der Osten streckt die Hand aus, und unzählige Hände greifen nach ihr, über Drahtverhaue, aus Schützengräben und Gefängniszellen, aus dem Kerker der Not. Noch herrscht die Nacht, doch rötet sich schon der Osten. Zum zweitenmal hat ein Gewaltiger das Wort gesprochen: »Es werde Licht!« Die Nebel zerteilen sich, die Sonne, noch hinter Wolken verborgen, wärmt bereits die erstarrte Erde, und über blindes Chaos, Haß und Bestialität erhebt sich siegreich der Geist!
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Boris Isralew lag im Sterben. Seit Monaten bereits fragte sich Johannes staunend, was dem siechen Körper noch die Kraft zum Leben gab; war es der unbeugsame Wille des einstigen Katorgasträflings, der nicht fortgehen wollte, ehe er das Ende des Entsetzens gesehen hatte, oder die glühende Sehnsucht nach der ersten befreienden Tat im Deutschen Reich?
Er wurde immer ungeduldiger, herrschte die Freunde an, wenn sie von ihrer Arbeit berichteten, von Flugblättern, geheimen Versammlungen.
»Ihr bleibt im ersten Kapitel des Evangelium stecken!« pflegte er gereizt auszurufen. »Bei euch ist es immer noch: im Anfang war das Wort. Laßt doch endlich die Tat folgen. Euere vielen Worte, gesprochene wie gedruckte, erdrosseln die Tat. Aber natürlich, in diesem verdammten Land der Ordnung wartet ihr, bis euch die Revolution behördlich gestattet wird!« Als er allmählich schwächer wurde, verschwand jedoch seine Ungeduld. »Es muß ja kommen und wird auch ohne mich gehen. Wir haben euch den Weg gezeigt.«