»Er hat so Unrecht nicht, der alte Mann. Wir in Rußland haben mit dem Aufbau des Gottesreiches begonnen,« bemerkte Savin ernst.
»Erzähle!«
Er erzählte, berichtete, wie der geballte Wille eines gepeinigten Volkes Gestalt angenommen, und aus dieser Gestalt sich das Räterußland entwickelt hatte.
»Blutig, sagt Ihr, sei die Revolution verlaufen? Ja, sollen wir etwa unseren Feinden mit der reinen Vernunft auf den Leib rücken? Sie wehren sich, das ist von ihrem Standpunkt aus begreiflich, und wir sind verpflichtet, das Errungene zu schützen. Nicht etwa, daß es vernichtet werden könnte. Erschlagt uns alle, setzt die Autokratie wieder ein, aus der russischen Erde werden sich Menschen bilden, die unsere Idee fortführen. Rußland ist durchtränkt von der Idee, sie sickert in die Geister ein; unsere Feinde von gestern sind heute unsere Anhänger. Propaganda? Freilich treiben wir Propaganda; aber ich meine, wir hätten es gar nicht nötig. Wir haben die Jahrtausende alte Sehnsucht der Völker verwirklicht; unser bloßes Bestehen ist Propaganda genug.«
»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner.
»Bei Euch ist das anders. Ihr müßt vom Schlamm der Bourgeoisie erst in den Schmutz des Kleinbürgertums geraten, des brutalen, herrschsüchtigen Kleinbürgertums. Euch fehlt der Schwung, um diese Stufe zu überspringen. Ihr müßt Euch emporarbeiten, Schritt für Schritt, werdet zurückfallen und von neuem beginnen müssen. Das weiß man bei uns; wir rechnen noch nicht auf euch, in drei, vier Jahren vielleicht.«
»Wir sind nicht müßig gewesen,« warf Gioia ein.
»Ich weiß es, auch ihr habt gute Führer, nur sitzen die meisten jetzt augenblicklich im Gefängnis. Und dann noch eins, das russische Volk vermag seine wahren Führer zu erkennen, das deutsche nicht. Gebt ihm Lenin oder Trotzki, es wird ihn nicht verstehen, wird Mißtrauen empfinden, sich gegen ihn aufhetzen lassen.«
»Haben Sie uns keine Botschaft gebracht, Savin?« warf Lene ein.
»Rotberger, bitte. Ja; aber die muß ich zuerst anderen berichten, dann sollt ihr es erfahren.«