Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, fragten, erzählten. Es war, als sei mit dem Russen ein frischer Lufthauch gekommen, der die dumpfe Schwüle zerstörte. Sie lauschten ihm, wie man dem Wanderer lauscht, der heimgekehrt, von einem sagenhaften Lande berichtet, einem Lande, in dem alle Träume und Sehnsüchte Wahrheit geworden sind.
Die Welt hielt den Atem an und wartete mit klopfenden Pulsen. Die Zentralmächte hatten ein Friedensangebot gemacht. Es gab keine laute Freude, allzu teuer war dieser Friede erkauft; dumpfer Groll erhob drohende Fäuste.
Die Patrioten zitterten, sie waren bereit, alles zu opfern, selbst den »geliebten Kaiser«, um das Volk zu beschwichtigen. Das Volk! Was war aus der stumpfen Masse geworden, dem wehrlosen Schlachtvieh, über das die Herren bedingungslos verfügen konnten? Plötzlich löste sich diese Masse auf, und man erkannte schaudernd, daß sie aus Menschen bestand, lauter verbitterten, haßerfüllten Menschen. Und wie viele es waren! Früher hatte man jubelnd gesagt: »Ja, wir haben es, das Menschenmaterial« und hatte sich über die Zahl derer gefreut, die man in den Tod schicken konnte. Heute verfluchten die Herren die ungeheuere Anzahl, ja, mit einem kleinen Volk, mit dem könnte man fertig werden, ein paar verläßliche Regimenter würden genügen. »Verläßliche Regimenter?« Wer ist heute noch verläßlich? Matrosen meutern, Soldaten; seltsam, es war den Herren nie eingefallen, daß auch diese zum Volk gehören, Volk sind. Nun mußten sie's erkennen. – –
Die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Der Volksstaat Bayern wurde proklamiert; noch stritt man über des Kaisers Rücktritt, da wurde auch schon in Berlin die Republik ausgerufen.
»Revolution?« sagte Savin zu Gioia, die außer sich vor Freude war. »Das ist keine Revolution. Ist vielleicht der Auftakt. Wer hat die Republik verkündet? Ein Sozialpatriot. Wer wird herrschen? Die Sozialpatrioten. Der kleine Bourgeois kommt ans Ruder, Kerenski und Dan. Das Volk ist eben so schlecht daran, wie zuvor, schlechter, weil man ihm noch leichter vortäuschen kann, es habe mitzureden. Glaubt ihr denn Revolution sei eine Spielerei? Solange sie nicht ein Elementarereignis ist, ein Ausbruch der Masse, kann sie nichts erreichen.«
»Du hast Unrecht, Savin,« meinte Johannes.
»Wir werden ja sehen. Weil ein Wetterleuchten die Nacht erhellt hat, wähnt ihr, der Morgen sei gekommen. Glaubt mir, die Nacht, die dieses unglückselige Land bedeckt, muß noch weit dunkler werden, ehe es tagt.«
Von der Straße drangen Jubel und Freudenrufe ins Zimmer. Gioia öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus.
»Der falsche Messias,« murmelte Savin verdrossen, »der Heiland der Bürger! Schließen Sie das Fenster, Gioia, ich kann es nicht ertragen, die Leute denen zujubeln zu hören, die sie knechten werden.«