Dreiundzwanzigstes Kapitel.
»Mein Gott, weshalb haben sie uns nicht im Gefängnis gelassen?« sagte Anatol Silberblatt düster und starrte in den grauen Winterabend hinaus. »Dort waren wir glücklich, ahnten schon lange, daß sich etwas vorbereite, füllten die grauen Tage mit Hoffnung aus. Und dann, diese wundervolle Nacht vom neunten November! Mein Zellennachbar hatte die Nachricht erfahren. Woher? So etwas sickert durch die Mauern hindurch. Er klopfte an die Wand: »Sieg! Revolution!« Ich ließ ihn die Worte drei, viermal wiederholen, mußte sie immer wieder hören. Als ich sie weitergab, hörte ich meinen anderen Nachbarn schluchzen wie ein Kind. Wir waren alle schier verrückt vor Glück. Endlich! Und dann kommt man heraus, und findet – das.«
Er wandte Lene sein zerquältes Gesicht zu.
»Liebster,« entgegnete sie zögernd, nach Trost tastend, »es ist doch wenigstens der Anfang.«
»Nein, es ist das Ende. Wie habt Ihr es zugeben können? Einen Tag lag die ganze Macht in den Händen des Proletariats, und es läßt sie sich entwinden. Nicht entreißen, wenn es der Übermacht erlegen wäre, aber nein, es läßt sich die Macht aus den Händen nehmen, glaubt dabei noch, es habe sie an seine Freunde weitergegeben ...«
»Wir sind 1905 auch geschlagen worden,« warf Savin ein.
»Das war etwas anderes; damals seid ihr euren Feinden gewichen, habt gewußt, in etlichen Jahren beginnt der Kampf aufs neue. Aber heute glaubt der größte Teil des Volkes, alles sei in schönster Ordnung.«
»Wir haben doch Freunde in der Regierung,« Lene klammerte sich verzweifelt an jedem Strohhalm.
»Die werden schön langsam verdrängt, heute der, morgen ein anderer.«
»Wir werden nicht dulden, daß einer geht,« rief Johannes und Gustav fügte hinzu: »Du siehst zu schwarz, Anatol, wir können jeden Augenblick Verstärkungen aus Spandau und Frankfurt an der Oder erhalten. Es wird übrigens gar nicht nötig sein, zu derartigen Mitteln zu greifen. Laß am Sonntag den Demonstrationszug zustande kommen, da wird unserer herrlichen Regierung schon das Herz in die Hosen fallen.«