Aber Anatol wollte sich nicht beschwichtigen lassen.
»Ihr vergeßt immer, wer heute die Macht an sich gerissen hat. Unbedeutende, verbürgerte Leute, die sich zum erstenmal groß und wichtig vorkommen. Die werden an der Macht festhalten, zäh wie ein Hund an seinem Knochen, werden mit der Bourgeoisie paktieren, mit dem Militär, alles tun, um nur an der Spitze zu bleiben. Die ...«
»Sie werden sich nicht eines solchen Verrates schuldig machen,« unterbrach ihn Gioia heftig.
Anatol lachte bitter. »Sie haben sich in vier langen Jahren an den Verrat gewöhnt; was könnt ihr anderes von ihnen erwarten? Das wissen auch unsere Führer, wissen genau, daß es den Kampf aufs Messer gilt.«
»Komm, Anatol, wir wollen in die Versammlung gehen, Liebknecht wird sprechen,« erinnerte Johannes.
»Ich kann nicht auf die Straße gehen, kann nicht die rote Fahne wehen sehen, beschmutzt und entehrt von den Händen, die sie gehißt haben. Zweimal hat Deutschland die Idee gemordet, in Brest-Litowsk und in der deutschen Revolution!«
Er verbarg das Gesicht in den Händen, tiefe Stille herrschte in der kleinen Stube, verzagte, trostlose Stille. Schließlich brach Frau von Reuter das Schweigen. Ihre alte, zitternde Hand fuhr liebkosend über Anatols gebeugten Kopf. »Ich verstehe nicht recht, worum es sich handelt, weiß nur unklar, daß wieder einmal Menschen das Heilige zu sich herabgezerrt und geschändet haben. Das brandmarkt die Menschen, mein Kind, aber nicht das Heilige. Das bleibt, das ist ewig und unbesieglich. Und auch hier tragen es noch viele im Herzen. Glaube mir, es ist so stark, daß es, selbst wenn es auch nur ein Einziger in seiner Seele bewahrte, von dieser einen Seele aus die Welt entflammen könnte.«
Anatol hob den Kopf, er schien die Worte der alten Frau nicht gehört zu haben, mit verzerrten Zügen blickte er zum Fenster hinaus. »Wie der Schnee fällt, alles zudeckt; die ganze Straße sieht aus wie ein Grab.«
Sie verstanden seine Stimmung, die sich allmählich allen mitgeteilt hatte. Nur die alte Frau lächelte und sagte leise, aber bestimmt: »O ihr Jungen, wißt ihr denn noch nicht, daß das Grab nicht den Tod bedeutet, sondern die Auferstehung?« – –
Durch die Siegesallee wälzte sich der endlose Zug, eine schwarze Drohung im fahlweißen Wintertag. Mit blödem Staunen blickten die weißen Marmorpuppen von ihren Sockeln herab: was soll das bedeuten? Das hat es zu unserer Zeit nie gegeben! Da haben sich die gemeinen Leute schön bescheiden geduckt und unseren Befehlen gefügt. Was sind das für Menschen, die hier an uns vorüberziehen? Sie sehen arm aus, gleichen in Kleidung und Äußerem unseren Untertanen, aber nie sahen wir in den Zügen unseres braven Volkes einen derartigen Ausdruck. Gehorsam, Ergebenheit, salbten sein Angesicht, und es wagte kaum, die Augen zu uns zu erheben. Diese jedoch haben harte, entschlossene Gesichter, ehrfurchtslose, kühn blitzende Augen. Bei Gott, das sind keine Untertanen mehr! Die Fürstenpuppen der Siegesallee fröstelten, zogen sich den Schneemantel fester um die Schultern und hätten gerne die Köpfe geschüttelt, wenn ihnen dies der starre Marmornacken gestattet hätte.