Sie hatten mit ihren blinden Augen – stets sind Herrscheraugen blind gewesen, auch wenn sie nicht aus weißem Marmor gemeißelt sind – zum erstenmal richtig gesehen. Das waren keine Untertanen mehr, die an ihnen vorüberzogen, waren Menschen, die, ihrer Würde bewußt, keinen Herrn mehr anerkannten, weil sie endlich, endlich begriffen hatten, daß sie selber die Herren waren, die Macht – sie, das Volk, das Proletariat. Zu Tode verbitterte Menschen waren es, weil sie erkannt hatten, man habe sie zum zweitenmal betrogen und diesmal war nicht der Feind der Betrüger gewesen, sondern der angebliche Freund, die Männer, denen sie jahrzehntelang geglaubt hatten, die ihre Führer gewesen waren.

Diese Erkenntnis brütete schwüle Hitze aus, von Mensch zu Menschen flog das böse Wissen, entfachte sich bei jedem neuen Anprall. Flammen des Hasses züngelten auf, und jeder neue Gedanke brachte dem Feuer neue Nahrung. Sturmwind waren die Worte der Führer, fuhren in die Flammen, trieben sie hoch, vergrößerten ihre Kraft. Lodernder Haß, heiliger Zorn schritt an jenem Sonntag durch die Straßen Berlins. Anatol, der sich dem Zug angeschlossen hatte, lachte auf, aus befreiter Brust. »Besiegt? Wie konnte ich dies nur glauben? Durch jeden Druck werden wir stärker. Wir sind das Feuer, das den Lügenwald verzehrt, sind das Meer, das die Düne überflutet. Für eine vom Felsen zurückgeworfene Welle gischen hunderte auf. Wir sind unsterblich, weil wir die Menschheit sind. Mögen sie uns töten, vernichten, neue Flammen werden aus Asche und Schutt brechen und ihre Festen zerstören. Wir sind unbesieglich!«


Kampf tobt in den Straßen Berlins. Schüsse hallen wider, Blut befleckt die Straßen, Schreie gellen auf, Militär jagt einher; Bürgerkrieg!

Verhaltener Grimm fletscht die Zähne. Die Besiegten vom neunten November, die Offiziere, die »treuen« Truppen, toben sich aus; sie sind mit einem Male gut Freund mit der bisher verhaßten Regierung. Entfesselte Roheit feiert Triumphe. In ihren Höhlen liegt lauernd die Reaktion und freut sich des Gemetzels.

Eine kleine Schar – die erhofften Verstärkungen sind ausgeblieben – kämpft einen Verzweiflungskampf, einen Kampf, der nur mit ihrer Niederlage enden kann. Nicht immer werden sie die Schwächeren sein, das Reich der Freiheit muß mit Blut erkauft werden. Und sie, die zerlumpt und elend auf den Straßen sterben, zu Tode getroffen, von Pferden überritten, sie lassen ihren Kindern ein köstliches Erbe – die Idee. Und wenn unsere Führer fallen, wir sind nicht führerlos, mit der roten Fahne in der Hand zieht die Idee vor uns her, wie die Feuersäule des Herrn den Juden den Weg wies ins gelobte Land. – –

Gustav ist verwundet, es gelingt Anatol und Johannes, die in seiner Nähe kämpfen, ihn in Johannes' Wohnung zu bringen. Als sie wieder fortwollen, klammert sich Gioia einen Augenblick an Johannes. »Wann kommst Du wieder?«

»Ich weiß nicht. War Lene nicht hier?«

»Sie brachte das Kind her, lief wieder fort. Und ich muß jetzt daheim sitzen.«

»Einige müssen am Leben bleiben, Gioia.«