Sie erschrickt vor dem Ernst seiner Stimme.
»Du glaubst, daß es hoffnungslos ist, daß wir nicht siegen können, vergeblich sterben?«
»Nicht vergeblich, Liebste. Dies ist kein Entscheidungskampf, ist bloß der Anfang eines langen, langen Ringens.« Er küßt sie innig. »Leb' wohl!« – –
Die frühe Winternacht bricht herein, alles verschwimmt zu grauer Masse. Der Kampf in den Straßen flaut ab; hier und dort dröhnt noch ein Schuß, in der Ferne rattern Maschinengewehre. Bisweilen schleudern Scheinwerfer grelles Licht auf den Asphalt.
Johannes steht auf seinem Posten. Er ist todmüde, kalter Wind läßt ihm die Glieder erstarren, tiefe Traurigkeit lastet bleiern auf seinem Gehirn. Pferdegetrampel klingt dumpf vom Pflaster auf. Johannes hebt das Gewehr. Schon haben ihn die Feinde bemerkt. »Wieder so ein verfluchter Spartakist!«
Ein Blitz zerreißt die Winternacht. Ein scharfer Knall. – Die Soldaten reiten weiter. Johannes liegt auf der Erde, fühlt, wie eine warme, klebrige Flüssigkeit an ihm herabrieselt.
Am unteren Ende der Straße kommt es noch zu einem Zusammenstoß. Scheinwerfer erhellen das Dunkel, Johannes sieht mit sich trübenden Augen, wie kleine schwarze Punkte aufeinander losstürzen. Verzweiflung überkommt ihn. Ist das das Ende? Die Ungerechtigkeit siegt und die Freiheit flieht? Wird das gelobte Land niemals erreicht werden? Vor seinen Toren stehen Heere mit Maschinengewehren.
Aus der Ferne tönt Hufschlag. Seltsam, es klingt wie etwas anderes, klingt, als würden bei einem Bau Steine geklopft, Steine. Seine Gedanken verwirren sich. Es ist ihm plötzlich warm und wohl zumute. Die bleierne Trauer, die seine Brust zusammengepreßt, hebt sich. Zartes, gedämpftes Klingen tönt in seinen Ohren, Schellen, ja Schlittenschellen. Vor seinen geschlossenen Augen steigt ein Bild auf. Eine breite, unendlich lange Straße ist es, hell erleuchtet. In einem Schlitten sitzt er als kleiner Junge, in Pelze gehüllt neben einer schönen Frau ... Ein schlanker Arm preßt ihn fest an einen duftenden Körper ... Der Schlitten rast dahin ... Das Bild verschwimmt. Nun glaubt er, eine behagliche Wohnstube zu sehen ... Gioia sitzt am Schreibtisch ... das elektrische Licht fällt prall auf ihr rotbraunes Haar ... es schimmert wie Bronze ... Und immer wieder, durch alle Bilder, durch alle wirren Träume dieser seltsame Ton, als würden Steine geklopft ...
Er öffnet die Augen; woher kommt dies Geräusch? Und da sieht er von Licht überflutet einen hohen Hügel vor sich ... Aus unendlicher Ferne hört er eine längstvergessene alte Stimme: »Und siehe, sie fügten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der heilige Tempel wieder aufgebaut werde, und sein Herz jauchzte und sprang vor Freude ...«
Der Tempel; ja, Steine werden geklopft beim Tempelbau ...