Zwei Jahre waren verflossen, Ivan zählte nun bereits sechs Jahre. Er war zu einem schmächtigen Knaben mit blassem Gesicht und leuchtenden schwarzen Augen herangewachsen. Die Zeit war ihm vergangen wie ein Traum. Zwei herrliche Sommer in Peterhof, wo er am Meer spielen und baden durfte, zwei Winter in der Stadt. Nun kam der dritte Frühling, den er mit Nadja verlebte. Doch schien, er wußte nicht warum, nun plötzlich alles anders zu werden. Die vielen Besuche, die lachend in den Salons saßen und Champagner tranken, blieben aus; Nadja selbst, die sonst nie daheim war, wenn es keine Gesellschaft gab, saß tagelang allein in ihrem Schlafzimmer, lag müde und verdrossen auf dem Bett, starrte in den Spiegel und weinte bisweilen, was Ivan stets sehr erschreckte. Sie hustete, war mager geworden und wurde oft von jäher Ungeduld erfaßt, die auch den Knaben nicht verschonte.
Einmal fand er sie vor dem Spiegel sitzend und ihre Wangen mit einer roten Puderquaste betupfend. Die eine Wange war weiß, während die andere rosig schimmerte. Dies deuchte dem Kinde äußerst drollig und es lachte. Da warf Nadja die Puderquaste auf den Boden, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. »Du siehst es auch schon, Du! ... Wie eine alte Hexe sehe ich aus, Nikolai Tichonowitsch sagte gestern zu mir: »Sie müssen sich erholen, Nadja.« Ich weiß, was das heißt. Keiner will mich mehr. Und früher, auf den Knien haben sie vor mir gelegen, die Hunde! Und Du lachst, herzloses Kind. Du wirst nicht lachen, wenn wir verhungern, in einer Dachkammer verrecken.« Sie sprang auf, trat vor den Spiegel und riß mit zitternden Händen den Schlafrock herunter. »Da, schau das an, diese Knochen, diese eingefallenen Brüste. Aus ist es mit mir, aus. Wir können betteln gehen. Und Du lachst!«
Das erschrockene Kind begann zu weinen; Nadja kniete sich neben es hin. »Weine nicht, mein Täubchen, mein Seelchen. Ich werde Dich nicht verlassen. Die Muttergottes wird mich gesund machen, und ich werde an Michail Michailowitsch nach Nischni Nowgorod schreiben, der soll uns nach dem Süden schicken. Und wenn ich dann zurückkomme, gesund und schön, dann werde ich es den Hunden schon zeigen. Weine nicht, mein kleiner Ivan.«
Der Brief ging ab, doch kam nicht die Antwort von Michail Michailowitschs klobiger Hand geschrieben, eine feine spitze Frauenschrift teilte »Fräulein Nadja Sklowski« mit, sie habe den ihr unverständlichen Brief erhalten und glaube, es müsse sich um ein Mißverständnis handeln, ihr verstorbener Gatte habe sich nie im Leben, bestimmt aber nicht seit seiner Verehelichung, mit leichtfertigen Personen abgegeben.
Der Sommer kam, drückende, luftlose Hitze lag über der Stadt, die Sonne brannte auf das Pflaster nieder, die Straßen wurden öder und menschenleerer, Nadja weinte immer öfter, häufig kamen Männer, die lange Bogen Papier vorlegten und etwas zu verlangen schienen, und dann widerhallten die schönen Räume von groben Worten und Beschimpfungen. Ivan flüchtete erschrocken in eine Ecke und kam erst wieder zum Vorschein, wenn die Männer abgezogen waren.
Eines Tages begann Nadja zu packen. Ivan freute sich, als er inmitten des Schlafzimmers den großen Koffer erblickte. »Gehen wir ans Meer?« fragte er freudig.
Nadja lachte böse auf. »Ans Meer! Ja, ich habe einen Palast am Meer gemietet; wir sind ja so vornehme Herrschaften. Weißt Du, wo wir hingehen? Dorthin, woher wir beide kommen, in den Schmutz, in den Rinnstein.«
Und dann weinte sie wieder und hustete und warf Kleider und Wäsche und Schuhe kunterbunt in den Koffer.
Ein schäbiger Einspänner brachte Nadja und den Knaben in ihr neues Heim. Keiner der Diener, keines der Mädchen begleitete sie. In einer engen, übelriechenden dunklen Gasse machte der Wagen Halt. Der Kutscher trug den Koffer unzählige schmutzige Treppen hinauf und schob ihn in eine kleine Stube, die er fast ausfüllte. Dann brummte er über das geringe Trinkgeld und stampfte schwerfällig die Stufen hinab; der Klang seiner Schritte hallte dumpf gegen die schwarzen Mauern.
Ivan sah sich im Zimmer um, ein Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle und ein kleiner wackeliger Tisch. An den schmierigen Wänden hatte die Feuchtigkeit seltsame Muster gezeichnet, die Decke war rauchgeschwärzt. Die schwere Luft roch nach Kohl und Spülwasser. Eine beklemmende Angst erfaßte den Knaben, all dies hatte er schon einmal gesehen, doch gehörte zu diesem Bilde noch etwas anderes. Warum glaubte er, gleich würde die Tür aufgehen, böse Menschen würden eintreten, brüllen, fluchen, Drohungen ausstoßen? Jählings fühlte er sich ganz klein, ganz verlassen. Er schmiegte sich an die Frau, wollte bei ihr Schutz suchen. Nadja jedoch stand reglos in der Mitte der Stube, die verkrampften Hände hingen schlaff herab. Ihre Augen starrten vor sich hin, ein leises Keuchen drang aus ihrer Kehle. Wie unheimlich war diese Stille, wenn sie doch sprechen wollte, nur ein einziges Wort!