»Mütterchen,« er zupfte sie am Rock.

Sie schien es nicht zu bemerken, starrte mit geweiteten, verzweifelten Augen die Wand an.

»Mütterchen, wo werde ich schlafen?«

Sie lachte heiser. »Ja, mein Prinzlein, wo wirst Du schlafen? Auf dem Stuhl, auf dem Tisch, auf dem Boden vor meinem Bett?« Sie hustete heftig, dann sich jäh einer anderen Stimmung hingebend. »Sei nicht traurig, Ivan, es wird schon wieder besser werden. Und dann kaufen wir uns ein großes Haus und leben schöner als zuvor.«

Sie trat an den Koffer, warf Kleider und Wäsche achtlos auf den schmutzigen Boden und wühlte unter den Gegenständen etwas hervor. Es war das Muttergottesbild. Sie fand einen Haken an der Wand, befestigte das Bildnis und lachte plötzlich vergnügt wie ein Kind. »Es wird uns Glück bringen, Ivan, ich fühle mich schon besser. Mach aber das Fenster auf, hier ist es zum Ersticken.«

Sie schwankte, tastete sich an den Möbeln bis zum Bett und fiel bewußtlos auf die rauhe, schmierige Decke.

Drittes Kapitel.

Der kleine Ivan ist ein geschicktes Kind, schier vermag er Nadja die Zofe zu ersetzen. Er findet das richtige Kleid im Koffer – einen Schrank gibt es nicht im Zimmer –, versteht gar bald, die Haken zu schließen, die feinen Haare zu bürsten und zu kämmen, wenn Nadja dazu allzu müde ist. Auch hat er gelernt, Tee zu kochen, zum Bäcker zu laufen und allerlei kleine Einkäufe zu besorgen.

Er hat das schöne Haus und sein geräumiges Zimmer ebenso rasch vergessen, wie er damals das erste Heim seiner Kindheit vergessen hat, ist schier glücklicher denn zuvor. Nadja ist den ganzen Tag daheim, liegt meist auf dem Bett, plaudert mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der fernen Zeit, als »ich noch ein kleines Mädchen war«. Wenn nur die Nächte nicht wären, diese unheimlichen, einsamen Nächte. Am Abend kleidet sich Nadja an, legt ihn zu Bett, und geht fort. Kaum ist der Knabe allein, so foltern ihn unbegreifliche Ängste, Gespenster, die seinem Gedächtnis entsteigen. Kracht nicht die Treppe? Tönen nicht dumpfe Schritte? Wer schleicht vor der Tür umher? Gleich wird sie aufgehen, etwas Entsetzliches wird geschehen. Leise wimmernd kriecht er unter die Decke und schließt krampfhaft die Augen, bis endlich der Schlaf sich seiner erbarmt.

Spät nachts oder früh morgens wecken ihn dann Nadjas schleppende Schritte auf den Treppenstufen. Sie schwankt herein, erschöpft, zitternd vor Müdigkeit, mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Er schlüpft aus dem Bett, hilft ihr beim Entkleiden, deckt sie fürsorglich zu und legt sich, in eine Decke gewickelt, zu ihren Füßen nieder. Bisweilen murmelt sie schon halb im Schlaf: »Ein guter Abend, Ivan, morgen können wir uns satt essen«, und schläft noch im Reden ein.