Manchmal jedoch kommt sie nach zwei Stunden wieder heim, und Ivan hat gelernt, diese Abende zu fürchten, das verzweifelte Weinen, das: »Wir werden beide verhungern!« Er sitzt auf dem Bett, streichelt die schluchzende Frau, küßt ihre heißen Hände und weiß sich keinen Rat.
Die Tage werden immer kürzer, kalter, schneidender Wind heult durch die Straßen. Nadja kommt halb erstarrt und frostbebend heim. Eines Abends ist sie nicht allein, ein häßlicher, roh aussehender Mann tritt nach ihr in die Stube. »Ein Kind hast Du auch?« ruft er lachend, als er Ivans ansichtig wird. Nadja lacht ebenfalls, Ivan wundert sich über ihre Lustigkeit.
»Soll denn der Fratz hier bleiben?« fragt der Mann etwas verdrießlich.
»Nein, um Gotteswillen!« Nadja scheint ganz erschrocken zu sein. »Ivan, Herzchen, geh ein wenig vor die Tür, ich ... ich habe mit dem Herrn zu sprechen.«
»Sprechen!« Der Mann lacht brüllend vor Vergnügen.
»Und komm erst wieder, wenn ich Dich rufe.«
Ivan gehorcht. Er sitzt auf der Türschwelle im dunklen Korridor und horcht ängstlich auf jedes Geräusch. Wird der Mann dem Mütterchen nichts zuleide tun? Warum lachen die beiden so viel? Der Knabe zittert vor Kälte und Angst, schließlich fängt er zu weinen an. Wie lange die beiden sprechen! Aber er hört ja ihre Stimmen gar nicht mehr, sicherlich tut ihr der Mann etwas zuleide. Plötzlicher Zorn übermannt ihn, warum muß er hier draußen sitzen, ganz allein, und der fremde Mann darf in der warmen Stube sein? Seinen müden Kopf deucht unklar, daß er immer draußen gesessen hat, allein, frierend, in der Dunkelheit, nicht nur heute abend, nein, viele, viele Abende, jahrelang, immer. Und es wird auch immer so sein. Andere werden behaglich in hellen, warmen Stuben sitzen und lachen. Er aber hockt im Dunkeln und weint. Wer war es nur, der immer weinte? Eine ferne Erinnerung steigt in ihm auf: Ein Mann, der um einen zerstörten Tempel weinte ... nein, es war eine Frau, die um ihren Sohn weinte, den ihr böse Menschen getötet hatten, die Frau auf dem Bilde, das in der Ecke hängt ... Oder war es noch anders? Einmal hatte er bei Nadja einen jungen Mann gesehen, mit blassem Gesicht und wilden Augen, der hatte laut geschrien, wie im Zorn: »Ihr trinkt und feiert Feste, und draußen vor euren Türen stöhnt und weint das Volk!«
Die müden Augen fielen ihm zu, unklar jagten Worte durch seinen Kopf: »der Mann, der um den Tempel trauert ... die Mutter, der sie den Sohn getötet haben ... das Volk ... sie weinen alle, alle ...«
Viertes Kapitel.
Der Frühling kommt; selbst in die enge übelriechende Gasse dringt die Sonne; ihre Strahlen klettern die Mauern entlang, fallen durch die blinden Scheiben in Nadjas Zimmer. Sie hat das Bett ganz nahe ans Fenster gerückt, hält die durchsichtig gewordenen Hände der Wärme entgegen und freut sich des blauen Himmels, von dem sie zwischen Dächern und Schloten ein kleines Stück zu sehen vermag.