Seit sechs Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. »Ich bin nicht krank,« versichert sie Ivan wieder und wieder, »bin nur so entsetzlich müde. Wenn der Mai kommt, werde ich aufstehen und gesund sein.«

Den ganzen Tag liegt sie reglos da, stöhnt bisweilen leise, antwortet kaum auf des Kindes ängstliche Fragen. Am Abend jedoch färben sich die blassen Wangen dunkelrot, sie spricht, spricht unentwegt mit heiserer, keuchender Stimme. Oft sind ihre Worte Ivan unverständlich. Bisweilen scheint sie zu vergessen, wo sie sich befindet, ruft nach ihrer Zofe, verlangt »das neue Kleid aus Paris«. Dann wieder lacht sie in tollem Übermut, verspottet Leute, die sie vor sich zu sehen glaubt, verlangt nach Champagner, plaudert von großen Städten, fremden Ländern.

Sie ist ganz zufrieden, nur manchmal, wenn das Fieber ihren Geist nicht völlig trübt, wird sie unruhig, murmelt zaghaft vor sich hin: »Das Kind, was soll aus dem Kind werden?«

Die Nachbarn sind sehr gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau bringt ihnen täglich von ihrer Suppe, und die dicke Anastasia mit den geschminkten Wangen aus dem vierten Stock drückt Ivan häufig einen Rubel in die Hand, damit er für Nadja etwas kaufe. Sie kommt zu der Kranken, bettet sie um, sitzt plaudernd an ihrem Lager. Sie ist es auch, die Ivan ein paar Griffe auf der Balalaika lehrt und einige Liebeslieder, ihn auf die Straße singen schickt, damit er etwas Geld verdiene.

Ivan zieht durch die engen Gassen, singt mit der schwachen Kinderstimme auf Höfen und Plätzen, und die Armen geben von ihrer Armut: Kopeken, Piroggen, bisweilen sogar ein Stückchen Fleisch.

Die Dämmerung liegt weich über der engen Stube, das letzte Licht hat sich im kleinen Spiegel gefangen, der hell aufleuchtet. Anastasia sitzt an Nadjas Bett. Sie hat sich schon für ihre Arbeit bereitgemacht, ist geschminkt und gepudert, eng geschnürt. Mit besorgten Augen schaut sie auf die Kranke, deren Atem schwer pfeifend die schmerzende Brust hebt. Anastasia hat getrunken, ihr Mund strömt Wodtkageruch aus, und schwere Traurigkeit lastet auf ihr.

»Ein Hundeleben!« seufzt sie. »Und wenn man das Ende bedenkt.«

Nadja schweigt.

»Und in der Kirche will keine neben mir knien«, fährt Anastasia fort. »Bin ich denn schlechter als sie? Ich stehle doch nicht, tue keinem Menschen etwas zuleide, bin eine Rechtgläubige.«

Der letzte Lichtstrahl erlischt, der silberglänzende Spiegel wird zur toten, grauen Fläche.