»Nadja, Du solltest doch einmal den Popen kommen lassen.«
»Weshalb?«
»Man weiß doch nicht. Gott wird Dir Deine Sünden vergeben, Täubchen, aber so, ohne Popen, ohne Gottes Verzeihung darfst Du nicht sterben. Man ist doch kein Vieh.«
»Sterben?« Nadjas schwache Stimme gellt auf. »Wer spricht vom Sterben?«
»Mein Seelchen,« die rauhe, rote Hand streichelt beruhigend über die Decke, »Du weißt doch selbst, daß Du nicht mehr lange leben wirst. Der Tod steht Dir schon auf dem Gesicht. Wozu willst Du auch leben? Das Leben ist gar nicht so schön für unsereins.«
Nadjas abgezehrte Hand greift nach Anastasias Arm, verkrallt sich in das weiche Fleisch. »Ich will nicht sterben, Stasia, will nicht. Das Leben ist so gut und schön. Und ich bin noch so jung. Stasia, halte mich fest; ich fürchte mich!«
Etwas erschreckt über die Wirkung ihrer Worte drückt Anastasia die Kranke an sich. »Still, still, mein Täubchen, es braucht ja nicht so zu kommen. Ich meine nur, weil Du genau so aussiehst, wie Natascha, die vor einem Monat starb.«
»Und Ivan,« Nadja beginnt zu weinen, »was soll aus ihm werden, wenn ich sterbe? Er ist noch so klein.«
»Wir werden für ihn sorgen,« beruhigt sie die andere. »Und dann gibt es ja auch Waisenhäuser.«
Nadja scheint ihre Worte nicht zu hören. Mit starren Augen blickt sie vor sich hin, ein Zittern erfaßt ihren Körper, ihre Zähne schlagen gegeneinander: »Sterben! Sterben!«